Sonnabend, 12. November 2005

In der Berliner Morgenpost[www.morgenpost.de] bespricht Sven Felix Kellerhoff heute das Buch von Bienert und Buchholz über die Zwanziger Jahre. [Hompage zum Buch: www.Zwanziger-Jahre-in-Berlin.de]
Berlin, das ist Energie, Intelligenz, Straffheit
Dem Mythos der „Goldenen Zwanziger“ auf der Spur
Sie gelten als die „beste Zeit in der Geschichte Berlins“: die Jahre zwischen Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise, die „Goldenen Zwanziger“. Nie zuvor und nie danach schien die Stadt so lebendig, so kosmopolitisch wie zwischen Frühjahr 1924 und Herbst 1929. „Natürlich waren die fabelhaften Zwanziger Jahre keine Erfindung Berlins oder der Berliner“, urteilte im Rückblick Peter de Mendelssohn, damals ein ganz junger Journalist: „Auch London und New York kannten den Überschwang und die schöpferische Produktivität der ,Roaring Twenties‘; auch Paris wurde vom Schwung der Zwanziger Jahre mitgerissen, und gar aus Moskau kam eine wahre Sturzwelle des Neuen und Befeuernden. Dennoch waren die Zwanziger Jahre recht eigentlich das Jahrzehnt Berlins. Mehr als irgendeine andere Stadt war Berlin für sie geschaffen; die Zeit saß ihr wie angegossen.“
 
Mendelssohns Urteil beruht auf der Kultur: Berlin konnte in jenen Jahren als wichtigste Metropole der klassischen Musik gelten, mit drei renommierten Opernensembles und mehr als zwanzig Berufsorchestern auf internationalem Niveau. Seine Theaterszene wuchs zur größten der Welt heran, mit 35 000 Plätzen laut Baedeker von 1927. Die Sammlungen der Berliner Museen gehörten zu den wichtigsten Sammlungen überhaupt. Auch der Expressionismus und neue Kunstbewegungen wie Dada konzentrierten sich in Berlin; seine Salons waren Paris ebenbürtig. In Studios in Berlin und Babelsberg entstanden viele der wichtigsten Stummfilme.
 
Kein Wunder also, daß ausgerechnet zwei Kulturjournalisten dem Mythos der „Goldenen Zwanziger“ in Berlin jetzt einen „Wegweiser durch die Stadt“ gewidmet haben. In vielen kleinen, abgeschlossenen Kapiteln spüren Michael Bienert und Elke Linda Buchholz einzelnen Aspekten der Berliner Geschichte zwischen Erstem Weltkrieg und Machtergreifung nach (Verlag BerlinStory. 278 Seiten, 19,90 Euro).
 
Natürlich beginnt ihr reich bebildertes, gut lesbar geschriebenes Buch mit der „Novemberrevolution“ 1918 und endet mit dem Zeitbruch von 1933. Doch dazwischen gliedern die Autoren klugerweise nicht chronologisch, sondern thematisch. So werden die Felder, auf denen Berlin zeitweise an die Spitze der Entwicklung weltweit stand, besonders deutlich. Das waren einige, auch abseits der Kultur. So hatte Berlin in den zwanziger Jahren dank der Elektrifizierung der S-Bahn und der neuen U-Bahn-Linien C, D und E (heute U 6, U 8 und U 5 sowie Teile der U 7) das modernste Nahverkehrsnetz der Welt, die erste Ampel Deutschlands (auf dem Potsdamer Platz), die erste innerstädtische Autobahn (Avus), die modernste Stromversorgung und den leistungsstärksten Binnenhafen.
 
Doch all das verschwindet in der Wahrnehmung der Berliner Zwanziger gegenüber der Rolle in der europäischen Kultur; entsprechend handeln drei Viertel des Buches von Bienert und Buchholz auch von im weiteren Sinne kulturellen Themen. Zum Beispiel vom Durchbruch der modernen Architektur, die sich mit Namen wie Bruno Taut, Hans Poelzig und Erich Mendelsohn verbindet. Zum Beispiel von der Presselandschaft, die nicht nur mit der B. Z. die schnellste Zeitung der Welt, sondern auch teilweise im leistungsstärksten Druckhaus Europas in Tempelhof gedruckt wurde.
 
Ausführlich gehen die beiden Autoren mit ihren Lesern über den Kurfürstendamm in den Zwanziger Jahren spazieren, erzählen wenig bekannte Geschichte zum Beispiel über Josephine Baker und ihre Auftritte in Rudolf Nelsons Revue-Theater an der Ecke Fasanenstraße, über Jeanne Mammens Atelier am Kurfürstendamm 29 und Mendelsohns heute als Schaubühne genutzten „WOGA“-Komplex, ursprünglich geplant als Kombination von Luxuswohnungen und Unterhaltungsangeboten.
 
Wer mit dem Wegweiser durch die Goldenen Zwanziger durch die Stadt geht, wird sich begeistern wie Thomas Mann 1927 in einem Gratulationsartikel zu Max Liebermanns 80. Geburtstag: „Berlin, das ist Energie, Intelligenz, Straffheit, Unsentimentalität, Unromantik, das Fehlen jeglicher falschen Ehrfurcht vor dem Vergangenen. Modernität als Zukünftigkeit, Kosmopolitismus als Abwesenheit germanischer Gemütsfeuchte.“
 

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