Donnerstag, 22. April 2004

Wie der Film The Making of Berlin entstand. Manchmal gibt es besondere Fans des Films, die ihn immer wieder gern ansehen. Jeden Sonntag kommt ein älterer Herr mit Aktenkoffer, ein Künstler mit etwas nicht ganz neuer Kleidung, und sieht sich den Film zweimal an. Ein Ehepaar sitzt vor dem Fernseher, und weil der so leise ist, will eine Mitarbeiterin ihn lauter stellen. „Ist nicht nötig. Wir haben den Film zu Hause und kennen ihn gut. Wir wollten ihn nur mal wieder hier sehen.“

Neulich war eine englisch sprechende Dame da, die sich den Film an drei Tagen hintereinander vollständig ansah. Bei ihr stellte sich heraus, dass sie aus Israel kam. Ich erzählte ihr dann diese Geschichte: In Israel ist ein Teil der Entstehungsgeschichte des Films angesiedelt. Ich war mit meiner Tochter in En Gedi, einer Oase in der Wüste rund um das Tote Meer. Dort hielt eine Kibbuz-Frau einen Lichtbildervortrag über die Entstehung des Kibbuz und was ihre Familie damit zu tun hatte. Da waren auch gelegentlich Fotos ihrer Eltern und von ihr, als sie Kind war. Dadurch wurde viel anschaulicher, wie es im Kibbuz zuging. Das war für mich eine weitere Anregung, den Film genau so zu machen. Berlin – verknüpft mit Familiengeschichte.

Israel war für mich dringend geworden, weil ich während der Entstehung des Films Hemmungen bei der Entwicklung des Stoffs hatte. Wie kommt die Vernichtung der europäischen Juden vor? Was hat das mit der Berliner Geschichte zu tun? Wie stellt man das ganz kurz dar, ohne daneben zu liegen? Der Besuch von Israel (und Palästina) allgemein und von der Gedenkstätte in Jerusalem waren dann wirklich hilfreich. Die Ursache des Holocaust ist im Film in Deutschland angesiedelt. Aber die internationale Dimension, dass sich sehr viele (westliche, demokratische) Länder weigerten, Juden aufzunehmen, ist mir so deutlich erst in Yad Vashem klar geworden.

Jeden Tag haben wir im Laden so interessante Besucher. Ich würde am liebsten immer im Laden stehen und mich unterhalten.

Mittwoch, 21. April 2004

Bei der Vorbereitung zum nächsten Arbeitstreffen am 28. April läuft uns das Wasser im Munde zusammen. Wir werden bekocht.

Dienstag, 20. April 2004

Über eine aktuelle Luftaufnahme der Linden schreiten. Der Eingang zur Ausstellung führt über eine Art Teppich aus Linoleum, einen Läufer der über einen Meter breit ist. Auf den Läufer aufgedruckt ist eine Luftaufnahme der Linden vom Brandenburger Tor bis zum Palast der Republik. Die Aufnahme stammt von Edition Panorama, Dr. Ulrich Giersch. Montagabend mussten wir ordentlich putzen, damit am Dienstag vor Eröffnung geklebt werden konnte. Ein toller Eingang.

Montag, 19. April 2004

Ist Massage während der Arbeitszeit ein Knüller? Für einige absolut. Bei anderen stößt das Angebot eher auf ein verhaltenes Gefühl. Nicht jeder mag an sich herumfummeln lassen. Einmal in der Woche soll eine Masseurin kommen – kein Kerl, so weit sind wir schon – und jeden eine halbe Stunde massieren. Dieses Angebot wirft so viele Fragen auf (an welchem Tag? Wenn man nicht will? Warum nicht nach der Arbeit? Warum nicht woanders? Warum nicht lieber ein Gutschein für H & M?), dass wir es bei unserer nächsten Sitzung mit allen Mitarbeitern besprechen.

Sonntag, 18. April 2004

Das Gerüst rund um das Haus ist ja erträglich. Man wird sich daran gewöhnen. Aber die Bohrungen mit starken Bohrern in die massive Hausverkleidung ist wie eine Ermahnung, wieder zum Zahnarzt zu gehen. Das dröhnt! Verkleidet wird die Fassade, damit niemandem was auf den Kopf fällt.

Samstag, 17. April 2004

Wir suchen weiter Praktikantinnen für drei, lieber sechs, noch lieber zwölf Monate. In so ziemlich allen Bereichen: Für den Vertrieb (des Verlags), für die Gestaltung (Grafik Design von Büchern, Ausstellung, Film, DVD-Cover, quer Beet eben), für die Ausstellungsbetreuung. Die Arbeit nimmt so stark zu, dass wir Hilfe brauchen können. Und wir haben zu bieten: Höhere Honorierung als bei anderen Praktikumsstellen und eine qualifizierte Führung. Wir wollen aber gern Menschen um uns haben, die einigermaßen gebildet sind, offen für Service, ein paar Sprachen sprechen und super aussehen.

Freitag, 16. April 2004

Eine Frau, eine Webcam, ein Handy. Was gibt das? Ein junger Mann kommt in den Laden und bittet eine unserer beiden rothaarigen Mitarbeiterinnen, ob sie sich nicht mit ihm vor die Webcam stellen könne. Dann zückt er sein Handy, ruft in Helsinki an: „Habt Ihr mich gesehen?“ Wette gewonnen. Einer versuchte in Helsinki mit einer jungen Frau vor eine öffentliche Webcam zu kommen, einer in Zürich, einer in Berlin. International und interaktiv.

Der Laden wird eingerüstet. Damit ein Höchstmaß an Sicherheit gewährleistet ist, wird die Fassade des Gebäudes verkleidet. Das Gerüst steht bis zur halben Höhe des Hauses. Zum Glück bleiben die Schaufenster frei. Wie es oben wird, ob eine Werbeplane oder eine Plane mit der Fassade des Hauses die Aussicht nimmt, wissen wir noch nicht.

Montag, 12. April 2004

Weiter bestellt wird am Ostermontagabend um 20 Uhr. Es waren so viele Italiener hier. Wir brauchen neue Büsten von Karl Marx. Wie viele hast Du noch? Ich brauche mehr große!“

Samstag, 10. April 2004

Jedes Tagebuch hat gelegentlich zu leiden. Aber jetzt geht es weiter. Die Ausstellung im Paradegeschoss über der Buchhandlung haben wir heute eröffnet. Es kamen einige hundert Menschen nach oben, ohne dass wir in irgendeiner Form Werbung gemacht haben. Nur die Flötenkonzerte Friedrichs des Großen und eine Stelltafel weisen darauf hin. Das lässt hoffen, dass unser Angebot angenommen wird, sich über Berlin anders zu informieren als in der Buchhandlung. Es wirkt noch ein bisschen kahl, so wie in einer neuen Wohnung, die noch nicht eingelebt ist. Die Ausstellung ist auf einen Zeitraum von drei Jahren angelegt. Wenn alles hübsch ist, machen wir auch Werbung bei den Stadtführern und Hotels.

Wir freuen uns immer, wenn der Charakter der Berlin Story deutlich analysiert wird: „Guck mal, hier kann man alles kaufen, wo Berlin drauf steht“. Oder. „Für oin Souvenirshop henn Sie aber viele Bücher (schwäbisch).“

Die Homepage selbst kennt auch bessere Zeiten. Demnächst geht es so weiter, dass wir alle Neuerscheinungen pro Monat fast als Liste in eine spezielle Rubrik setzen. Das hat folgenden Hintergrund: Stammkunden haben kaum eine Chance, alle Neuerscheinungen zu entdecken, die sich in vielen Abteilungen verstecken. Wir schaffen es aber nicht (und wir haben keinen Platz), einen extra Tisch für Neuerscheinungen zu machen. Wir können dieses Projekt ankündigen, weil Steffi zu uns kommt und sich darum kümmert. Steffi war als Praktikantin bei uns, siehe „Das Team“. Stefanie Schlemmer.

Karfreitag haben wir ja auch auf. Und nicht nur das: Wir werden auch beliefert. Morgens kamen die 12 Kisten Ampelmännchen-Gummibärchen. Frau Manana hatte bei den Lieferanten angerufen, so etwa, nur wahrscheinlich etwas höflicher, wie es ihre Art ist: seid ihr denn ganz bei Trost, vor Ostern zwölf Tüten statt zwölf Kartons zu liefern.
Und abends kamen die Berlin-Sportjacken. Schon als die Jacken kamen und noch nicht richtig ausgepackt waren, verkaufte Imke Schuster drei davon. „Sofort nachbestellen! Das ist ein Renner!“ Aber als sie an der Wand hingen, verkauften wir keine mehr. Ein seltsames Phänomen, das sich auch bei einem Ölgemälde von Herrn Tietze ereignete, der die tafelrunde von Sanssouci gemalt hatte, sie lieferte und wir sie verkauften, als er eben das Schutzpapier abzog. Da wir dieses seltsame Phänomen kennen, verstecken wir Bücher, die wir unbedingt verkaufen wollen, in einer Kiste ganz hinten im Laden fasst unter einem Tisch. Da fängt sofort jemand an zu wühlen.

Donnerstag, 5. Februar 2004

Unter dem Titel „Berlin Story – eine Erfolgsgeschichte“ berichtet Kai Ritzmann in der Berliner Morgenpost in einem Sechsspalter am Tag der Eröffnung der Filmfestspiele über uns. Wir erhalten Mails und Telefonate dazu, freuen uns und fragen uns: Ist das gut so? Welche Folgen wird dieser ausführliche Beitrag haben, der des Lobes voll ist?