Donnerstag, 8. Juli 2004

Kleine Soziologie der Kunden.
Der Architekt aus Stockholm. Er kommt alle paar Monate. Diesmal klopft er nach Feierabend an die Tür. Er braucht dringend noch zwei Führerbunker.

Die ältere Amerikanerin mit größerem familiären Tross und diversen Bodyguards, die in einer Stretchlimo vorfährt. Wir ordnen ihr eine hervorragend englisch sprechende Mitarbeiterin zu. Sie läuft im Laden hin und her, genauer gesagt vorne in der Abteilung für Mitbringsel. Sie bleibt dort hängen, wo wir es vermuten, bei den Bierkrügen, Mauersteinen und Buddy-Bären. Ob sie mit Karte zahlen kann? Ja, so was kennen wir hier auch. Ihre Töchter verdrehen die Augen. Als alles zusammen ist, will sie zehn Prozent. Das ist bisschen viel. Ob wir die Sachen schicken können? Können wir, und darüber hinaus können wir auf Anhieb sagen, wie viel das mit welcher Versendungsart kostet. Und dann sollen wir nur noch die Mehrwertsteuer abziehen. Da sind wir aber bockig. Doch, das wäre woanders auch gegangen, weil sie die Steuer ja nicht zurückbekommt, wenn sie die Ware nicht vorzeigen kann. Dass dem nicht so ist, davon kann sie keiner überzeugen. Und wir lassen uns nicht gern 26 Prozent abziehen. Wenn man Brillanten oder Klamotten vielleicht mit 300 oder 400 Prozent Aufschlag kalkuliert, geht das vielleicht. Bei uns nicht. Wir wollen auch nicht. Wir geben gar kein „Discount, Discount!“, weil wir lieber in die Qualifikation der Mitarbeiter investieren.

Manche Kunden kommen rein, die Zielstrebigen, die direkt irgendwo nach hinten durchstürmen, vorbei an allen Hindernissen, ohne einen Blick auf die anderen Kunden oder Mitarbeiter, ein bestimmtes Buch sichten, es zur Kasse bringen und zahlen. Sie haben dieses Buch vorher gesehen, sind darum herumgelaufen, haben es eine Nacht in sich getragen und sind zu der Erkenntnis gekommen, dass sie diese Kaufentscheidung jetzt entschlossen durchziehen.
Variante 1: Sie haben das Buch schon einmal gekauft, verschenkt, und wollen es jetzt doch lieber auch für sich selbst.
Variante 2: Sie stürmen los, auf einmal bricht die Zielstrebigkeit ab, Verwunderung und Suchen beginnt, dann hat unsere Stunden geschlagen. Wir haben das natürlich alles genau gesehen, bieten unsere Hilfe an und zeigen, wo das Buch liegt. Oder müssen mit bedauern feststellen, dass es nicht mehr lieferbar ist und die Laufzeit der Bücher immer kürzer wird. Wir empfehlen dann zvab.de, da findet man Millionen von alten Büchern.

Dann gibt es noch die Verliebten
. Bei so vielen jungen Mitarbeiterinnen (und Mitarbeitern, das kam ja auch schon vor, weißt Du noch, Mazen?), bleibt es nicht aus, dass sich jemand verguckt und dann immer wieder kommt. In Unkenntnis des Arbeitsplans gelegentlich zu falschen Zeiten. Das endet mit ein, zwei Rundgängen im Laden und enttäuschtem Verabschieden. Der Arbeitsplan ist sehr individuell. Er richtete sich weitgehend nach den Wünschen der Mitarbeiterinnen und ist deswegen nicht systematisch. Wenn die Zielperson aber arbeitet, kann es peinlich werden. Gewöhnlich schicken wir sie dann in die Pause und lasen sie von der Bildfläche verschwinden. Zu erfolgreicher Partnerfindung ist es bisher nicht gekommen. Oder ich habe das nicht mitgekriegt.

Gut aufgestellt sind wir ja mit anderen Sprachen. Das läuft reibungslos, die Besucher weiterzugeben an jemanden, der diese Sprache spricht. Eine spezielle Kundengruppe z.B. die
arabische Beratung braucht. Das haben wir zweimal fließend und einmal mehr stotternd, nämlich zweimal als Muttersprache und einmal studierend. Da kommen ganze Familienclans und freuen sich. Englisch kann sowieso jede. Das ist Pflicht bei der Einstellung, das testen wir auch. Französisch mache ich, mache ich gerne. Nur wenn Claude Möller das hört – der Baumeister des historischen Modells in unserer
Ausstellung, gebürtiger Belgier – wird ihm ganz anders. Meine deutlich germanische Intonation graus ihm. Russisch haben wir auch, total fließend, sozusagen familiär geprägt, nicht nur durch harte Ost-Schulerziehung. Italienisch verstehen wir so lala. Zum zählen, bedanken und verabschieden reicht es, auch noch dazu, den Weg zum Checkpoint Charlie zu erklären. Und bei Spanisch tun immer alle so, als verstünden sie nichts. Das hängt mit den spanischen Muttis zusammen, die sich gewöhnlich im Schwall in den Laden ergießen, laut sind und bei den T-Shirts landen. Dann halten sie sich die T-Shirts an, erst als Girlie-Shirt, bis sie merken, dass das mit ihrem Bauch doch nicht so gut kommt, dann vergleichen sie die Größe ihrer Enkel, dann wollen sie Farben, die wir nicht haben. Also, ich verstehe ja leider gar kein spanisch.

Freitag, 2. Juli 2004

Unser aktuelles Rundschreiben ist bei den Kunden angekommen und zeigt bereits durch die ersten Besucher Wirkung. Es ist das erste Rundschreiben nach einem halben Jahr. In diesem halben Jahr ist soviel passiert, dass das Rundschreiben sechs Seiten lang war, drei voll geschriebene Blätter. Imke Schuster und Christiane Schnur haben mit äußerster Brutalität an diesem schönen Brief rumgekürzt. Jetzt ist er nur noch zwei Seiten lang. Und lesbar geworden. Im Mittelpunkt steht die Werbung für die Ausstellung. Außerdem wird die neue DVD mit acht Sprachen vorgestellt.

Einer der ersten Besucher aufgrund des Briefs wies darauf hin, dass die Straßenbeschilderung auf dem Modell nicht ganz korrekt ist. Die Bezeichnung „Unter den Linden“ steht da, wo in den dreißiger Jahn noch der „Platz vor dem Opernhaus“ war. Die Linden fingen erst beim Reiterdenkmal an und gingen bis zum Pariser Platz. Auf dem schönen Straube-Plan hinten in der Ausstellung sieht man das auch genau. Solche Kunden haben wir, immer wieder, die das sofort merken. Dieser Herr war ein Journalist, der auch Berlinbücher schreibt.

Donnerstag, 1. Juli 2004

Geocaching, das hatten wir schon mal im Tagebuch, da haben wir aber noch nicht verstanden, dass es sich um kein vereinzeltes Phänomen handelt. Geocaching ist eine Art Schnitzeljagd, zu der man ein GPS System braucht, Global Position System, so groß wie ein Handy. Dieses Teil zeigt, dass die Berlin Story so positioniert ist:
N 52o 31.30 E 008o 23.425.

Jemand "versteckt" etwas wie bei einer Schnitzeljagd, andere müssen es suchen. In unserem Fall ist es die Webcam in unserem Laden, die alle zwei Minuten Fotos weltweit ins Internet überträgt.

Es war also ein junger Mann im Laden, der mit seinem GPS die Webcam gefunden hat, sich zum Beweis fotografieren ließ und uns verriet, dass schon 20 von seiner Sorte bei uns waren und wir uns auf den Seiten www.geocaching.com oder geocaching.de informieren könne. In 200 Ländern laufen solche Spiele. Wir freuen uns, durch unsere moderne Technik am Puls der Zeit zu bleiben.

Neu ist auch, dass wir in der Ausstellung oben zwei Kameras installiert haben, die auf einem Monitor im Laden zeigen, was oben abgeht. Alle vier Sekunden wechselt das Bild von einer Kamera zu anderen. Wie unsere Sendeanlage, mit der der Berlinfilm auf die vielen Monitore im Laden übertragen wird, stammt die Ausrüstung von unserem Techniklieferanten Aldi.

Mittwoch, 30. Juni 2004

Wieder eine außergewöhnliche Demo vor unserer Tür. Polizei und Läufer und Samsung und Coca Cola. Das Olympische Feuer kommt. Wir warten und warten. Dann, um 18.55 Uhr, geht gemächlich ein älterer Herr mit einer Fackel am Laden vorbei, in Begleitung von jüngeren Männern und vielen Organisationswagen. Das war Gerhard Theune, sagt die junge Frau im Organisationswagen. Sie spricht nur englisch. Wer das ist, kann sie nicht sagen, auf ihrer Liste steht nichts und sie muss wieder in das Handfunkgerät sprechen. [Wir haben nachgeschaut: Gerhard Theune hat z.B. bei der European Veterans Athletics Championship 2000 in Finnland in der Klasse Männer im Alter von 85 – 89 Jahren (!) teilgenommen und beim 800- und 1500- m-Lauf vordere Plätze belegt]
Hinter Ihm kommt die Betriebsaufsicht der BVG, die den Busfahrern Bescheid sagt, dass die Straße wieder frei ist. Dann kommt die BSR, die Stadtreinigung mit einer Kleinst-Kolonne. Und fertig. In wenigen Minuten werden die Fotografen am Brandenburger Tor warten, denn darauf kommt es ja an, dass man das Foto mit dem Brandenburger Tor drauf machen kann.

Sonntag, 27. Juni 2004

Am Sonntag ist der Laden voller männlicher Pärchen, die sich knappe T-Shirts holen. Und ein Archäologe aus Estland will wissen, wo der Führerbunker ist, sagt aber dann, unser Buch sei falsch. Da sei er nicht gewesen. Nervig. Was soll man mit Besserwissern dieser Art machen? Oft kommt es nicht vor. Häufig trifft es die jüngeren Kolleginnen, denen ältere Männer ihr historisches Wissen vermitteln wollen. Oder, noch schlimmer, Lehrer, die nicht davon ablassen können, abzufragen. Nach Möglichkeit greifen wir ein und lassen die jüngeren Kolleginnen in die Küche verschwinden.

Sonnabend, 26. Juni 2004

Eine Demo führt Unter den Linden entlang, auch mit süßen Jungs, finden die Kolleginnen, aber nicht die vom Christopher Street Day. Es sind viele lateinamerikanische Teilnehmer, aber auch Türken und Kurden. Jedenfalls alles gutaussehende junge Männer. Die Demo geht gegen den NATO-Gipfel in Istanbul, oder für die "Auflösung der imperialistischen Kriegsmaschine NATO!". Seltsamerweise sind keine Autonomen dabei. Vielleicht sind die ja auf der Fusion, der großen Pop- und Goa-Party auf einem ehemaligen Militärgelände in Mecklenburg-Vorpommern. Wir fragen am Montag unsere drei Mitarbeiter, ob dem so ist. Die kommen dann hoffentlich nicht erkältet von der Fusion zurück.

Freitag, 25. Juni 2004

Wir haben Heinrich Heine vergessen. Der muss natürlich als eines der Denkmale vor der Berlin Story stehen, er gehört wie kaum ein anderer zu den Linden. Lothar Heinke vom Tagesspiegel hat freundlicherweise darauf hingewiesen.

Donnerstag, 24. Juni 2004

Alle zehn Säulen rund um den Laden sind knallgelb. Wir hatten den ersten Kunden, der in Päckchen abgeben wollte. Es sieht nämlich aus wie eine neue Postfiliale Unter den Linden. Nächste Woche kommt die Beschriftung, anschließend die Denkmale zur Berliner Geschichte unter dem Motto „Ich bin ein Berliner“.

Mittwoch, 23. Juni 2004

Die neue DVD "The Making of Berlin" ist angekommen. Das Lampenfieber legte sich aber nicht sofort. Denn beim ersten Testlauf der neuen DVD kam kein Ton. Das lag aber wohl an der Einstellung des DVD-Players. Inzwischen haben wir an die zehn Player getestet, auch in Laptops, es klappte immer. Wir können die DVD verkaufen. Mit acht Sprachen kostet die aktuelle Version 2004 weiterhin nur 14,99 Euro. Die Ausgabe 2003 verkaufen wir jetzt für 9,90 Euro. Sehr viele sind nicht mehr davon da. Diese Version hatte nur fünf Sprachen.

Dienstag, 22. Juni 004

Die Homepage wird regelmäßig von unserem Webmaster Joest Feenders aktualisiert. Ganz neu ist die Rubrik, welche Bücher wir neu im Sortiment haben. Das ist ein Service gegenüber den Kunden, aber auch für uns von Bedeutung, damit wir alle, nicht nur die Bucheinkäufer, einen guten Überblick bekommen, was neu ist.