Morgenpost, 14. März 2006

Meinhof-Fotos aus Teltowkanal gefischt – Familienbilder stammen aus gestohlenem Tresor
Ein zufällig durch einen Bombenfund aufgetauchter Tresor im Teltowkanal hat Familienfotos der ehemaligen RAF-Terroristin Ulrike Meinhof zutage gefördert. 21 Monate hatte der Tresor nahe der Kompturbrücke in Tempelhof im Wasser gelegen, zuvor war er aus der Buchhandlung "Berlin Story" gestohlen worden

Die Bilder zeigen nicht nur Ulrike Meinhof, sondern auch ihren Mann Klaus Rainer Röhl und ihre Tochter Bettina Röhl. Die 43jährige hatte im Mai 2004 das Familienalbum mit Originalfotos dem Verleger Wieland Giebel (55) übergeben, um einige Fotos in ihrem Buch zu veröffentlichen. Das Manuskript des Buchs über ihre Eltern speicherte sie auf ihren Laptop und übergab ihn ebenfalls dem Verleger.

Er schloß die Fotos in den Tresor, doch tags darauf wurde in seiner Buchhandlung eingebrochen und der Tresor entwendet. Vier Tage später wurde auch der Laptop gestohlen. Der Buchhändler "will zu der ganzen Geschichte keine Aussage machen."

Dafür ist Autorin Bettina Röhl um so auskunftsfreudiger. Sie wolle Schluß machen mit den Verschwörungstheorien rund um sämtliche Geheimdienste: "Wer hinter dem Diebstahl des Tresors und des Laptops die CIA oder das BKA vermutet, ist schlicht paranoid." Für sie sei es nicht plausibel, "wieso hinter einem Familienalbum die Stasi oder die CIA stecken sollte."

Sie sei zwar betrübt gewesen, als das Familienalbum nicht mehr im Tresor zu finden war, "aber von den meisten Bildern hatte ich vorher sicherheitshalber eine Kopie gemacht." Diese werden auch in ihrem neuen Buch veröffentlicht, das am 16. März auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wird. Ab 20. März ist "So macht Kommunismus Spaß" für 29,80 Euro auch im Handel erhältlich.

All denjenigen, die RAF-Geschichten lesen wollen, erteilt Röhl allerdings eine Abfuhr: "Mein Buch geht nur bis 1968." Doch die Geschichte über die im Untergrund arbeitende KPD und deren Einfluß auf das Hamburger Blatt "Konkret" dürfte allemal so spannend sein: Herausgeber war Klaus Rainer Röhl, Chefredakteurin Ulrike Meinhof.

Jetzt kommt: Wie es eigentlich war – Die Zufallsforscher sagen ja, es gäbe viele Zufälle und die Menschen wollen den Zufall nicht gelten lassen, sie wollen einfach einen Sinn in den Dingen sehen, eine Logik. Das ist die eine Seite des Spannungsbogens. Kann durchaus sein, daß alles Zufall ist. Die andere Seite könnte sein, daß doch jemand Interesse an den Inhalten hat, ich habe keine Ahnung, wer das sein könnte. Bei meinen vielen Aufenthalten in Nordirland in den siebziger und achtziger Jahren habe ich aber die verqueren Gedankengänge und seltsamsten Aktionen von Geheimdiensten kennen gelernt. Zutrauen kann man denen alles. Ob es so ist: Keine Ahnung.

Die spektakuläre Aktion war der Diebstahl des Geldschranks, wie die Polizei meint, sehr professionell. Aber die Öffnung schien mir eher laienhaft. Ich erinnere mich gut an jenen Montag morgen, weil ich aus der Buchhandlung angerufen wurde: „Wo bist Du?“ Ich wollte mit EasyJet zwei Tage nach Rimini, saß im TXL-Bus und dachte, das können die doch alleine regeln. „Aber da sind die Fotos drin.“ Oh, das war mir im Gedanken an zwei ruhige Tage entfallen. Mist. Da stimmt was nicht. Das gibt Ärger. Seltsam wurde die ganze Geschichte aber durch das weniger spektakuläre Ereignis vier Tage später. Und das war entlang meiner damaligen Tagebuchaufzeichnungen rekonstruiert so:

Am Freitag, dem 21. Mai 2004 war ich nachmittags im Laden Unter den Linden 10, Ecke Charlottenstraße. Von dem Haus steht heute nur die Fassade und einige Teile, es wird der zeit ganz neu aufgebaut und Anfang April ist Richtfest für den Neubau Römischer Hof. Um den hinteren Teil des Hauses befand sich damals ein Sicherungsgerüst, damit Passanten keine Fassadenteile auf den Kopf fallen. An diesem Nachmittag waren die Geschäftsführerin und die Erste Buchhändlerin auf der Grillparty eines Buchvertreters in Köpenick. Der Laden war sehr voll. Da kam um 18.50 Uhr eine Praktikantin aus der Berlinausstellung im ersten Geschoß runter und sagte, eine an die Wand gelehnte, auf Pappe aufgezogene Berlinkarte sei im Büro hinter der Ausstellung umgefallen. Die Ausstellung schloß wie die Buchhandlung um 19 Uhr. Ich hatte auch unten im Laden etwas gehört. Nach einem ganz kurzen Moment des Zögerns, weil der Laden so voll war, eine Buchhändlerin in Bestellunge vertieft, rannte ich doch hoch und sah sofort, daß nicht nur eine Karte umgefallen, sondern die ganze Wand in dem Büro eingetreten war.

Oben sah es so aus. Vorn war die Ausstellung mit Berlin Modell und Ausstellungstafeln zur Geschichte der Stadt und den Linden, mit dem Café. Direkt anschließend befanden sich zwei Büroräume. Dort war der Verlag. Die beiden Verlagsmitarbeiterinnen hatten um 18 Uhr Schluß, gingen aber erst gegen 18.30 Uhr. Das weiß ich, weil sie sich im Laden wie üblich verabschiedeten. In den Verlagsräumen gab es keinen Publikumsverkehr. Es hatte sich auch keiner dorthin „verlaufen“. Wir haben da sehr aufgepaßt. Die Fenster waren von außen nur von der Staatsbibliothek aus einsehbar.
Es war sehr kompliziert, in das Haus zu kommen, man mußte über Cookie im hinteren Teil des Hauses eine Treppe hoch und dann wissen, wo diese stabil gebaute, doppelte Rigipswand ist und auch den festen Willen haben, dort mit Gewalt an der richtigen Stelle, nicht zu Beispiel bei den Toiletten, einzubrechen.

In der Wand war ein Loch bis auf zwei Meter Höhe, ziemlich breit, so daß man durchkonnte, ohne an den Bruchkanten anzustoßen. Gestohlen wurde mein Laptop, das Handy einer Praktikantin, zwei ihrer Scheckkarten. Entgegen meiner Anweisung, die Sachen verschlossen im Spind zu lassen, hatte sie sich das in Vorbereitung des Feierabends zurechtgelegt. Außerdem wurde eine Handkasse mitgenommen, genauer gesagt die Scheine wurden rausgenommen. Auch die Kasse hätte nicht da sehen dürfen. Auf meinem Laptop war das Manuskript in seinem damaligen Zustand gespeichert. Nur darauf und den Laptop hätte ich abends wieder mit nach Hause genommen. Wir hatten eine Kopie des Textes, allerdings nicht im laden.
Alle Mitarbeiterinnen sind der Meinung, daß es sehr viel einfacher sei, Laptops in der Cafeteria von unaufmerksamen Studentinnen abzuziehen. Das sei gang und gäbe. Das wäre die normal, einfache Art, einen Laptop zu klauen.

Ich bin durch das Loch in der Wand gestiegen und habe nachgesehen, ob sich noch jemand im Haus verbirgt, ob irgendwo ein Fenster aufsteht (nein, das stellte nachher auch die Polizei bei zwei Durchgängen fest, erst grüne Polizei, dann LKA).
Gleichzeitig rief ich die Polizei an, die schnell kam. Den Satz des Polizisten habe ich mir natürlich zum Zitieren gleich aufgeschrieben: „ Das ist ja wie im Kino. So was habe ich noch nie gesehen.“ Daß nämlich eine Wand komplett rausgebrochen wurde.

Das LKA kam auch bald – und die Buchhändlerinnen von der Party. Das war natürlich ein cooles Thema beim Grillen, erst der Safe weg, jetzt das. Auf Anraten des LKA haben wir am gleichen Abend die Wand neu gebaut, die damals fest angestellten Handwerker kamen auch sofort. Dann haben wir für lange Zeit eine Nachtwache gehabt, etwa drei Wochen lang.
Die Kriminelle Energie, die zu dieser Aktion notwendig war und das sehr hohe Risiko, während der Öffnungszeit auf Mitarbeiterinnen zu stoßen, sofern man die Lage nicht äußerst sorgfältig studierte, lag weit außerhalb dessen, was einfache Kriminelle für den Diebstahl eines Laptops aufzuwenden bereit sind.

Ich habe immer noch keine Ahnung, was sich da wirklich abgespielt hat. Aber dem äußeren Anschein nach kann man doch den Eindruck bekommen, daß zwischen der einen und der anderen Aktion ein innerer Zusammenhang bestanden haben könnte.

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