Montag, 9. Mai 2005

Wir haben im Tagebuch fast nie andere schreiben lassen. Aber in der ZEIT vom 28. April 2005 erschien ein so schöner Beitrag von Elke Michel, den wir Ihnen nicht vorenthalten möchten. Leser dieses Tagebuchs wissen, daß es uns auch so geht, daß Mitarbeiterin Anne Martin zum Beispiel sagt, heute komme es ihr so vor, als sei sie wieder in ihre frühere Rolle als Sozialpädagogin gerutscht. Wir empfehlen ausdrücklich das Abo der ZEIT, www.Zeit.de.

Goethes Pudelbuch
Die längst überfällige Hymne an eine nervenstarke Buchhändlerin, die Halt in der Informationsflut gibt. Manchmal gehe ich in eine Buchhandlung und sehe den Verkäufern beim Arbeiten zu. Das ist so, seit ich mit Heike befreundet bin. Heike ist Buchhändlerin; und wenn man sie abends trifft, schaut sie immer, als habe sie den Tag in der Horrorbuch-Abteilung verbracht. »Heute«, flüstert sie dann, »sagte ein Kunde, er wolle das ›Pudelbuch‹ von Goethe kaufen. Dann kam einer und verlangte ›Superwoman‹ – von einer Autorin, die wie Schokolade heißt. Gemeint waren Faust und Das Superweib von Hera Lind. Wahnsinnig sind die, allesamt!«
Lange Zeit dachte ich, Heike sei einfach nur empfindlich. Was ist schon dabei, wenn ein Kunde sich mal im Buchtitel vertut – und »Die ungeschriebene Geschichte« von Michael Ende verlangt oder »Warum Männer lügen, wenn Frauen Schuhe kaufen«. Dann ging ich in eine Buchhandlung, versteckte mein Gesicht hinter dem Struwwelpeter und schlich mich an ein Kundenberatungsgespräch heran. Seither gebe ich Heike Recht: Buchhändler haben den psychisch härtesten Job der Welt. In ihrer Gegenwart reden sämtliche Leute Unfug. Ständig. Das ist ein Gesetz.
So ein Kunden-Beratungsgespräch beginnt meist mit einem unschuldigen Einstiegssatz – etwa: »Ich suche ein Buch für einen 45-jährigen Mann.« Auf die Frage, welche Literatur dieser Mann bevorzuge, dreht der Kunde dann allmählich auf: »Na hören Sie mal, woher soll ich das wissen? Der liest doch gar nicht gerne!«
Verkäufer: »Interessiert er sich vielleicht für Geschichte?«
Kunde: »Sind Sie verrückt? Das ist viel zu deprimierend, da sind ja alle tot! Es sollte schon was Positives sein. Und intelligent. Aber mit wenig Text.« Händeringend sucht der Verkäufer nun einen Bildband – einen leichten, da der Kunde nicht schwer tragen möchte. Und wird, während er durch den Laden hetzt, von weiteren Leseratten attackiert: »Ich brauche den Frauenroman ›Gesuch: Lasst impotente Männer leben!‹« – »Gucken Sie mal, ich habe hier einen Ausschlag. Gibt es ein Buch dagegen?« – »Ich will einen Stadtplan mit Hamburg und München drauf!« – »Haben Sie von August Macke Im Westen nichts Neues?« – »Neulich sah ich ein niedliches Buch, ganz klein und gelb. Wo steht es?« – »Haben Sie von Sartre ›Zerschossene Gesellschaft‹?«
»Die Hölle, das sind die anderen« – wohl jeder Buchhändler würde Sartre da zustimmen. Ich vermute, es ist der Anblick der Bücherregale, der uns Kunden durchknallen lässt: Wenn wir sehen, wie viel Bildung es auf dieser Welt doch gibt, kapituliert unser Hirn vor Panik lieber gleich und schaltet um auf crazy: »Ich will den Autor kaufen, der ein Käfer wurde!«
Ehrfürchtig bewundere ich jedes Mal den Scharfsinn, mit dem die Verkäufer herausfinden, dass das Buch »The Butt« keine Fotos von Hintern beinhaltet – sondern in Wahrheit Der Butt heißt. Und frage mich, wie man in diesem Job zwischen Hops, Karl-Max und Schuppenhauer ein geordnetes Weltbild bewahren kann: Lesen sich Buchhändler jeden Abend quer durch die gesamte Lebensratgeberliteratur?
Heike sagt, es gebe da leider keine Tricks. Nur Berufskrankheiten: Neulich, in einer Cocktailbar, studierte sie ewig die Getränkekarte. »Bloody Mary, Bloody Mary«, murmelte sie. Und dann: »Natürlich! Ich hab’s: Die meinen doch garantiert Rotkäppchen!«
(c) DIE ZEIT 28.04.2005

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