Montag, 16.Mai 2005

Wir haben uns immer gefragt, in Kreuzberg wohnend, von Türken umgeben (statistisch 40 Prozent), an soziologischen Fragen sowieso interessiert, warum es bei so vielen Türken in Berlin, nämlich gut 200 000, keinen einzigen Berlinführer in türkischer Sprache gibt. Nur ein einziges Mal fragte eine junge Türkin nach einem Berlinführer. Die kam aus Istanbul, wohnte wie andere junge Reisende in einem Hostel und wunderte sich darüber, daß es russisch und chinesisch gibt, aber nicht türkisch. Das Börsenblatt des deutschen Buchhandels (12. Mai 2005, Seite 14 f) führte nun ein Gespräch mit Vedat Çorlu, früher linksliberaler Verleger in der Türkei, jetzt Übersetzer. Daraus geht hervor, daß zwar 80 Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben können, aber nur vier Prozent gelegentlich zu einem Buch greifen. Çorlu führt das auf die mündliche Erzähltradition zurück. Der Staat fördere lesen nicht. Die türkischen Verlage veröffentlichen im Jahr 6000 Bücher mit einer Auflage von durchschnittlich 2000 Exemplaren, das sind 12 Millionen Bücher im Jahr. Die Türkei hat 69, 6 Millionen Einwohner. Pro Einwohner werden also durchschnittlich 0,17 Bücher pro Jahr gedruckt.

Die gesamte Produktion der deutschen Buchverlage umfaßt rund 770 Millionen Bücher, und mit jährlich ca. 80.000 neuen und neu aufgelegten Titeln (durchschnittliche Auflage also 9625 Exemplare) gehört Deutschland zu den führenden Buchnationen. Deutschland hat 82,5 Millionen Einwohner. Pro Einwohner werden also durchschnittlich 9,3 Bücher gedruckt. Und um die Statistik noch etwas weiter zu treiben: aus anderen Quellen ist bekannt, daß rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung regelmäßig Bücher kauft, ein Drittel gelegentlich, ein Drittel kaum. Von dem einem Drittel leben wir. Und wir werden nach diesen Erkenntnissen, obwohl wir häufig darüber nachgedacht haben, keinen türkischen Berlinführer machen.

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