Mittwoch, 8. Juni 2005

Holocaust Mahnmahl, Ort der Information
Ich hatte bereits im Tagebuch darüber geschrieben, daß ich das Mahnmal für einen angemessen, guten Weg halte, die unlösbare Aufgabe zu bewältigen, das Verbrechen darzustellen, in Erinnerung zu halten, nämlich durch Abstraktion.

Vor dem Ort der Information sind immer lange Schlangen. Das kann ich mir sparen, dachte ich. Jeden Tag beschäftige ich mich mit diesen Fragen, das ganze Leben hindurch. Ich habe KZs gesehen, Yad Vashem, jede erreichbare Stätte der Opfer, jede Stätte der Täter. Auch in diesem Punkt, daß ich da nicht rein muß, habe ich meine Meinung geändert.

Man checkt ein wie auf dem Flughafen, Taschenkontrolle im Container oben, Warteschlage vor dem Eintritt nach unten, eine weitere, genaue Kontrolle unten. Das hat aber bei uns nicht länger als zehn Minuten gedauert. Die Ausstellung ist in fünf Räume geteilt. Eine lange Text-Bildzeile führt in die Verfolgungspolitik der Nationalsozialisten von 1933 bis 1945 ein. Im Raum der Familie werden 15 jüdische Familienschicksale aus verschiedenen Teilen Europas auch auf schlichten Text-Bild-Tafeln dargestellt. Im Raum der Namen werden Kurzbiographien ermordeter Juden verlesen, alles deutsch und englisch wie überall. Dort kann man sitzen. Daran schließt sich ein Computerraum an, in dem man auf die Datenbank von Yad Vashem mit drei Millionen Einträgen recherchieren kann. Im Raum der Orte wird die europäische Dimension von Verfolgung, Deportation und Vernichtung dargestellt.

Was hat mich so tief beeindruckt? Die Tatsachen, in ihrer schlichter Darstellung und immer wieder unbegreiflich. Und die Andacht der Menschen, die die Texte von vorn bis hinten lesen. Ohne vermessen sein zu wollen, erinnert es mich an die Situationen in unserer Ausstellung in der Berlin Story, wo wir immer wieder beobachten, daß unsere einfach gehaltene Geschichtsausstellung zum Lesen und Wahrnehmen auffordert. Das geht tiefer als jeglicher Multimedia Schnickschnack, den man viel schneller vergißt.

Die Andacht der Menschen, diese Erschütterung mit anderen zu durchleben, das macht den für mich wesentlichen Aspekt des Ortes der Information aus. Man steht erst vor dem langen Geschichtsband mit den großen Überblickstexten und den kurzen Bildunterschriften zu Fotos, Fotos der Erniedrigung und Vernichtung. Stück für Stück geht man mit seinen zufälligen Nachbarn weiter. Dem gegenüber steht das Leben der Familien, die Lebendigkeit, diese großen Familiengruppenaufnahmen mit allem Komischen, den solche Aufnahmen ausstrahlen und dann kleiner die Lebenswege, Fluchten oder Vernichtung der Familienmitglieder. Auch da steht man mit vielen gleichzeitig und spürt, was in anderen vorgeht. Von Yad Vashem sind mir auch die einfachen, klaren Aussagen in Erinnerung. Entgegen meiner lange anhaltenden Skepsis bin ich froh, daß Mahnmal und Ort der Erinnerung mitten in der Stadt sind. Man braucht länger als vorgesehen, eine Stunde insgesamt.

Der Ort der Information ist täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet, letzter Einlaß 19.30 Uhr. Eintritt frei. www.stiftung-denkmal.de

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