Mittwoch, 5. Oktober 2004

Die beobachten mich. Vielleicht schließen sie auch Wetten auf mich ab. Ich stehe im Laden, wie immer, screene die Szene, achte darauf, wer reinkommt, ob ich jemandem helfen kann, ob sich jemand in der Abteilung geirrt hat, beispielsweise mit den Dritten Reich Büchern auf dem englischen Tisch nicht klarkommt und also in die deutsche Abteilung zu bringen wäre.

Ich achte darauf, ob oben in der Ausstellung alles in Ordnung ist. Das geht über einen Monitor. Ich räume die Bücher an den richtigen Platz, die Kunden aus unerfindlichen Gründen hin- und herschleppen. All das, worauf wir so stolz sind, unsere Servicefreundlichkeit. Und dabei werde ich beobachtet. Meine Kolleginnen, und das muß man hier auch mal sagen, die wenigen Kollegen ebenfalls, gucken, wen ich wohl anspreche. Ich merke das ja erst gar nicht. Ich merke nur das Grinsen. Die machen sich einen Spaß daraus, vorherzusagen, ob ich mich an einen kurzen Dicken im Festtagsanzug oder eine lange Blonde mit roten Jeans wende. Woher kennen die nur meine Vorlieben? Habe ich überhaupt welche? Bin ich da nicht erhaben? Irgendwie demokratisch oder zu allen gleich freundlich? Die beobachten mich weiter.

Umgekehrt könnte ich auch sagen, auf welchem Typ Mann die eine oder die andere Kollegin steht. Der Verwegene. Der Väterliche. Der Latino. Der bisschen nicht so ganz Dünne. Sonnenbrille und Goldkettchen kommt bei uns ja nicht so gut. Generell ist bei Buchhändlerinnen sicher der Kuscheltyp im Vorteil. Ich beobachte die jetzt auch. Ich werde meine psychologisch-empirischen Studien fortsetzen. Und demnächst hier genau beschreiben.

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