Mikrokosmos des Berliner Bürgertums im 19. Jahrhundert — Friedhofsführung St.Marie und St. Nikolai

Tag des offenen Denkmals. Marita Seidt führt über einen fast verborgenen Friedhof mitten in der Stadt, wenige Schritte vom Alexanderplatz entfernt, in der Prenzlauer Allee 1 genau gegenüber vom Soho-Haus im Rücken dieser Gruppe, heute Treffpunkt der Hipster im Privat Members Club. Das repräsentative Gebäude war eigentlich das Kaufhaus Jonaß, nach der Enteignung durch die Nazis Sitz der Hitlerjugend, in der DDR-Zeit erst Sitz des Politbüros der SED, dann des Instituts für Marxismus-Leninismus.

Marita Seidt, eigentlich studierte Juristin, hat es schon lange in die Architektur – und Stadtgeschichte verschlagen: 1998 mitbegründete sie in Washington, D.C. ein Netzwerk zu Architekturführungen, war als Volunteer in drei Museen der Stadt tätig, wechselte dann nach Berlin zur Liebermanngesellschaft als Führerin in der Wannseevilla und der Kolonie Alsen.

Die Toten auf dem Friedhof repräsentieren eine andere Zeit, nämlich die Bürger, die Berlin zwischen 1800 und 1900 entwickelt haben, in der Zeit der Industrialisierung. 1800 hatte Berlin 172.000 Einwohner, 1900 waren es 1.894.000.

In diesem Mausoleum lag Henriette Brose, geb. Fetschow, geboren 1815. Ihr Vater hatte eine Waren- und Wechslehandlung, wo heute der Fernsehturm steht. Sie heiratetet 1805 den Kaufmann Christian Wilhem Brose, der Teilhaber beim Schwiegervater wurde und das Bankgeschäft ausbaute. Freunde und Geschäftspartner waren das Ehepaar Schinkel, Finanzrat Beuth, die Bildhauer Rauch und Kiß, die Brüder Gropius. Es spricht vieles dafür, dass der Entwurf des Mausoleums von Friedrich Karl Schinkel stammt.

Das alles und noch viel mehr über die Menschen, die hier liegen, erfährt man auf der Friedhofsapp „Wo sie ruhen“ http://app.wo-sie-ruhen.de/ mit Berliner und anderen deutschen Friedhöfen. Das laden dauert etwas.

Das macht was her. Gotthilf Benjamin Keibel. In den 1790er Jahren baute er als Sekondeleutnant im Ingenieurkorps Festungen im Vorfeld der dritten Teilung Polens, tat sich in den Schlachten gegen Napoleon hervor und übernahm die Festungsinspektion Koblenz.

Die Familie Spindler. Wilhelm eröffnete eine Seidenfärberei in der Nähe des Spittelmarkts, dann in der Wallstraße 12, Spindlershof. Er brachte die chemische Reinigung mit Benzin aus Paris mit und wurde damit wohlhabend. Seine Söhne erwarb 1871 an der Spree ein riesiges Gelände für die Reinigung, das Spindlerfeld. Alles weitere in der App.

Mit Schokolade zum Wohlstand. Sein Vater war Chirurg, Theodor wurde lieber Konditor. Den Kakao bezog er aus Caracas, setzte nach 1830 Dampfmaschinen zur Produktion ein und wurde Hoflieferant. Er erwarb ein großes Grundstück am Tiergarten – die Hildebrandstraße erinnert daran. im Vorfeld der Nazi-Olympiade 1936 entwickelten seine Nachfolger Scho-Ka-Kola in der runden Dose – gibt es bis heute. Darin war reichlich Coffein – aber kein Pervitin.

Die Restauratorin Frau Bosse, links, berichtet über die vorsichtige Arbeit an den Grabdenkmälern, die vom Kirchenverband, vom Staat und vom Land finanziert wird.

Die Eingangstür aus Holz ist eine historische Rekonstruktion. Aufgabe der Restauratoren ist es zu erhalten, was sich noch erhalten lässt. Sie sollen nicht einzelne Denkmale besonders toll machen und andere ignorieren. Hier handelt es sich vielleicht um eine Ausnahme, weil das Innere geschützt werden soll. Bevor die Restauration begann, war dieses Mausoleum gelegentlich belebt, zum Übernachten genutzt.

Die Rosette im runden Fenster ist original. Durch die gute Belüftung hat sich vieles erhalten, selbst die Farbe.


Häufig kam es vor, dass ein altmodisch bemaltes Mausoleum von der nächsten Generation nach dem Geschmack der Zeit umgestaltet wurde, modernisiert.

Direkt neben dem Friedhof, auf der anderen Seite der Straße „Prenzlauer Berg“, befindet sich das Hotel Ibis Mitte.

Adolf Kux. Der Ingenieur Adolf Kux war Direktor der Maschinenbaugesellschaft „Adolph Kux“ in Prag. Ihm gelangen zahlreiche nützliche Erfindungen, darunter ein 1870 in Braunschweig zum Patent angemeldeter Dampferzeuger und 1884 ein Gerät zum Kühlen und Einfrieren von Flüssigkeiten. Erfolg hatte er auch mit Maschinen zur Zuckerrübenverarbeitung. Sein Vermögen legte Kux unter anderem in Ländereien an … aus der App.

Hagebutten für Tee kann man hier mindestens seit der DDR Zeit sammeln. Wie es damals war, berichtet ein ausführlicher Artikel von Deike Diening im Tagesspiegel vom November 2008 über den damaligen Friedhofsverwalten Wolfgang Eichner:

„… Und dann beschloss Berlin Ost, dass der evangelische Friedhof verschwinden sollte aus der Innenstadt. Begründung: Im Kriegsfall müssten für die Menschen aus den umliegenden Hochhäusern Brunnen gebohrt werden. Die seien aber durch die Leichen vergiftet. „Dabei“, sagt Eichner, „ist nach 30 Zentimetern Erde alles, was aus einer Leiche austreten kann, gefiltert …“

Beim Vorbeigehen am Denkmal für den Polizeipräsidenten Hinkeldey ließ eine Besucherin wie nebenbei fallen: „Der konnte schlecht schießen. Deswegen ist er erschossen worden.“ Was war da los? Karl Ludwig Friedrich von Hinckeldey war Generalpolizeidirektor unter Friedrich Wilhelm IV FW IV und profilierte sich durch das harte Vorgehen gegenüber den Aufständigen des Jahres 1848, die für uns die Anfänge der Demokratie gegen das Königstum ertrotzt haben. Viele kamen dabei um. Die Historiale, unterstützt von der Berlin Story, hat den Aufstand im Jahr 2008 nachgestellt, die Schlacht um die Köngsbarrikade am Alexanderplatz nachgestellt, im Roten Rathaus ein Theaterstück über das wankelmütige Weichei FW IV und wir haben die Toten geehrte, indem wir Ihre Särge wie damals auf dem Gendarmenmarkt aufgebahrt haben. Mehr dazu im Blog der Berlin Story …

Und das Ende von Hinkeldey? Es ging um eine Intrige des Adels gegen ihn. Er sollte verschwinden: “ … Von Rochow erschoss Hinckeldey. Der Arzt Ludwig von Hassel war Zeuge. „Rochow blieb unverletzt stehen, Hinckeldey dagegen machte eine halb zirkelartige Bewegung und sank dann in die Arme Hassels und Münchhausens, die ihn sanft zur Erde gleiten ließen.“ Rochow wurde zu vier Jahren Festungshaft verurteilt, die seine Ehre und Reputation nicht beeinträchtigten. Nach einem Jahr wurde er begnadigt. Mehr dazu auf Wikipedia … 

Wilhelm Hatzmann starb am 3. Februar 1945. Es handelte sich um den größten Luftangriff auf Berlin. In einer Stunde und 37 Minuten warfen 937 Bomber der US Air Force Bomben auf Berlin. Der Krieg war nach Berlin zurückgekehrt. Die genauen Angaben dazu und Berichte von mehr als 50 Zeitzeugen finden sich in „Bomben auf Berlin“ aus dem Berlin Story Verlag.

„Hitler nahm an diesem Tag sein Essen im Adjudantenflügel der Alten Reichskanzlei bei zugezogenen Vorhängen und elektrischer Beleuchtung ein. Die meiste Zeit verbrachte er im Bunker. Einmal ging er während des Alarms mit Joseph Graf ins Freie.“ Hitler – Das Itinerar. Aufenthaltsorte und Reisen von 1889 bis 1945, von Harald Sandner, S. 2308, Berlin Story Verlag

24. April 1945, Schlacht um Berlin. Die sowjetischen Truppen stehen bereits vor dem Anhalter Bahnhof. Mehr dazu in „Hitler – wie konnte es geschehen“, der Dokumentation im Berlin Story Bunker am Anhalter Bahnhof.