Mehr Krankenhäuser als Kasernen bombardiert

Peters_Topel_CoverEs wurden mehr Krankenhäuser als Kasernen bombardiert. In Syrien? Im Irak? In Afghanistan? Es wurden mehr Wohnviertel in Kreuzberg als Industrieanlagen in Spandau bombardiert.

 

Wie sah die medizinische Versorgung der Bevölkerung während des Bombenkriegs aus?

Welche Luftschutzräume wurden gebaut?

 

Aufgeschreckt durch die ersten Luftangriffe auf Berlin im August 1940 ordnet Hitler im Oktober 1940 das Führersofortprogramm Bunkerbau an. Die Berliner Krankenhäuser brauchen für Patienten, Mitarbeiter, Operationsräume und für die Kreißsäle Luftschutzeinrichtungen.

 

Wie hat das funktioniert? Wer hat geplant? Reichte die Zeit? Wie sahen die Räumungspläne aus? Wie wurden die Flaktürme medizinisch versorgt? Welche Schutzanlagen gab es für Hochschwangere und Neugeborene? In welcher Form wurde die Hitlerjugend (HJ) und der Bund Deutscher Mädel (BDM) eingesetzt?
Was passierte bei Infektionskrankheiten, was mit psychiatrisch Erkrankten, wie werden durch Bomben Obdachlose versorgt?

 

Antwort auf diese Fragen geben zwei Experten, nämlich Dr. med. Sigurd Peters, einst Leitender Notarzt von Berlin, dann Referatsleiter für Zivil- und Katastrophenschutz, ausgewiesener Experte für Katastrophenvorsorge.
Und Klaus Topel, Berlins einzigartiger Bunkerexperte mit riesigem Archiv und genauer persönlicher Kenntnis der Berliner Bunkerwelt, der historische Forscher über Luftschutzbauten. Auf die Quellen von Klaus Topel gehen auch entscheidende Teile des Buchs über den Anhalter Bunker zurück.

 

Jeder einzelne Luftschutzbunker im medizinischen Bereich wird genau dokumentiert. Zum Beispiel (S.160) der Kreißbunker der Universitätsfrauenklinik der Charité.

Prof. Dr. Wagner, Leiter der Universitätsfrauenklinik, beantragt für seinen Kreißbunker mit zwei OP-Sälen, einem Kreißraum und 24 Betten für Wöchnerinnen zusätzlich 40 Wandklappbetten in einem geschützten Gang des Bunkers. Am 24. Dezember 1942 beklagt er sich, dass der Bunker nun zwar mit erheblicher Verspätung fertiggestellt sei, aber die Beleuchtungsanlage und die Notbeleuchtung nicht fertig seien. Das ist die Zeit der Schlacht um Stalingrad.

 

Die Instrumente fehlen – und erst am 6. Februar 1943 findet endlich die betriebstechnische Einweisung für das Personal statt.

 

Dann kommt am 21. April 1943 der Führer des Luftschutz-Sanitätsdiensts beim Polizeipräsidenten zur Inspektion, Oberstarzt Wrobel, und stellt fest, in der Frauenklinik „erfolgen keine Änderungen, da hier sämtliche Klinikinsassinnen im Bunker untergebracht werden können.“ Daraus kann geschlossen werden, dass sie sitzen oder stehen.

 

Das Buch stellt eine wertvolle Bereicherung der Forschung zur NS-Geschichte dar, ist ausgezeichnet recherchiert und stellt drastisch dar, wie menschenverachtend die Nationalsozialisten mit dem Volk umgingen.

Berlin – Die gesundheitliche Versorgung während der Luftangriffe 1940 bis 1945, 404 Seiten, 29, 90 Euro.