Köpenicker Straße — Preußen am Schlesischen Tor — Buchbesprechung

Preußen am Schlesischen Tor Köpenicker Cover 462Martin Mende bespricht in den Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins das Buch von Dieter Hoffmann-Axthelm Preußen am Schlesischen Tor – Die Geschichte der Köpenicker Straße, erschienen im Berlin Story Verlag.

Dieter Hoffmann-Axthelm ist als Stadtplaner und Stadthistoriker bekannt. Neben seinen beruflichen Aktivitäten forschte er in den Jahren 1982 bis 1988 in Archiven, um Unterlagen für die vorliegende Abhandlung einzusehen. Sein Ziel war, am Beispiel der Köpenicker Straße in den heutigen Bezirken Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg 400 Jahre brandenburgisch-preußischer Geschichte und Berliner Stadtgeschichte herauszuarbeiten.

Dazu wertete er das Feuerkataster der 1718 gegründeten Feuersozietät, die von 1750 an geführten Bauakten, die Grundbuchakten und die Akten der städtischen Forst- und Ökonomie-Kommission aus. Durch ein Jahresstipendium der Stiftung Preußische Seehandlung konnte der Autor das Manuskript Anfang 1989 beenden, für eine Drucklegung fehlten die finanziellen Mittel. Nun liegt der Band dank des verlegerischen Mäzenatentums des Berlin Story Verlages, mit geringfügigen Textänderungen gegenüber der Fassung von 1989 und ergänzenden Literaturangaben, vor.

Es handelt sich um ein veritables Standardwerk, eigentlich kein Roman einer Straße, wie es der Umschlagtext verheißt. Die heutige Straße wurde als Damm 1589 auf Weisung des Kurfürsten als Verbindung zum Schloss Köpenick angelegt. Bis in das 19. Jahrhundert hinein lag die Planungshoheit für die Straßen und Bebauungspläne Berlins beim Staat, nicht bei der Stadt.

Der Autor beschreibt die Entwicklung von der kurfürstlichen Allee zur städtischen Straße, die Anlegung der Holz- und Baustoffmärkte am Wasser und die Anfänge der chemischen Industrie. Breiten Raum widmet er der Kattun-Industrie, dem Weben und Bedrucken von Baumwoll- und Baumwollmischtextilien.

Der Verfasser räumt selbst ein, dass einzelne Passagen materialversessen und eng im Detail sind, und fügt deshalb immer wieder allgemein gehaltene und erzählende Abschnitte ein. Die Kapitel sind nicht zeitlich, sondern topographisch bestimmt, wobei die Schlesische Straße als Verlängerung der Köpenicker Straße wie auch umliegende Straßen immer wieder einbezogen werden. Hoffmann-Axthelm nennt den Zeitraum von 1740 bis 1871 als die große Zeit der Köpenicker Straße, von da an war sie nach seiner Einschätzung nicht mehr eine preußische Straße, sondern eine beliebige Großstadtstraße, und um diese Zeit habe auch die Zerstörung des alten Berlin begonnen.

Überaus aufschlussreich ist das Kapitel über den Militärstandort, der durch seine teilweise erhaltenen Bauten und Flächen heute noch im Stadtbild sichtbar ist. Im Vorderhaus einer typischen Kaserne waren verheiratete Soldaten untergebracht. Die Stube-Kammer-Grundeinheit war nur vom Flur aus zugänglich. In der beheizbaren Stube lebte die Soldatenfamilie auf 25 Quadratmetern. In der nur durch die Stube begehbaren, nicht heizbaren benachbarten Kammer in halber Größe schliefen in einem Bett zwei ledige Soldaten, die der verheiratete Soldat zu überwachen hatte.

Da hatten es der Amtsadel und bürgerliche Unternehmer in ihren Meiereien und Standesgärten an der Straße komfortabler: So befand sich in der Nähe des Schlesischen Tores der bekannte Garten des Bankiers und Schutzjuden Daniel Itzig.

Im Kapitel 6 geht der Autor auf die Ackerbürger, den Gartenbau und die Separation des Köpenicker Feldes ein. Im Separationsvertrag verzichteten die Eigentümer bis 1843 auf ein Drittel ihrer Flächen zur Anlegung öffentlicher Verkehrsflächen, konnten gleichzeitig mit einer erheblichen Wertsteigerung ihrer Liegenschaften rechnen. Der westliche Teil der Köpenicker Straße war einst das Berliner Zentrum der Lederverarbeitung. Das Lohgerber-Viertel entstand 1740 am Cöllnischen Festungsgraben. Der Autor beschreibt in Kapitel 8 ausführlich die Unternehmer dieses Handwerks, geht dann auf das Branntweingewerbe ein und schildert die Anfänge der bürgerlichen Selbstverwaltung.

Zwischen 1870 und 1900 nahm die Wohnbebauung der Köpenicker sichtbar zu, 1936 plante Albert Speer die Erweiterung der Straße und die Freilegung des Spreeufers, 1944/45 folgte eine weitgehende Zerstörung der Bebauung, 1961 kam es zur Teilung der Straße durch die Mauer, 1990 die Öffnung.

In seinem Nachwort sieht der Autor die Straße heute in der Schwebe: „Auf der einen Seite der vielschichtige Knotenpunkt jugendkulturell-anatolischer Mischung in sanierten Altbaustrukturen, auf der anderen Seite Behörden, Großtafelanonymität und Luxuswohnen […]. Zwar gibt es seit Jahren eine Sanierungsplanung ‚light‘, aber eine Vorstellung vom Wert der Straße oder einer Idee, was aus ihr werden sollte, existiert weder bei den beteiligten Bezirken noch im Senat.“

Hoffmann-Axthelm hat die historischen Spuren des nördlichen Teils der Luisenstadt in einzigartiger Weise freigelegt und mit der preußischen Geschichte verwoben. In der heutigen Mischung aus Alt- und Neubauten, Halbruinen und ungepflegten Flächen zeigt die raue Köpenicker Straße noch das unfertige Berlin, aber der Druck zur Umnutzung hat bereits eingesetzt.

Martin Mende

Dieter Hoffmann-Axthelm: Preußen am Schlesischen Tor – Die Geschichte der Köpenicker Straße 1589-1989, Berlin: Berlin Story Verlag, 2015, 511 Seiten, 204 Abbildungen, 81 Kartenausschnitte.