Köpenicker Straße — Besprechung von Yvonne de Andrés

Preußen am Schlesischen Tor Köpenicker Cover 462Yvonne de Andrés bespricht auf Amazon das Buch von Dieter Hoffmann-Axthelm „Preussen am Schlesischen Tor — Die Geschichte der Köpenicker Straße 1589 – 1989“ aus dem Berlin Story Verlag

Dieter Hoffmann-Axthelm, Stadtplaner, Stadthistoriker und Architekturkritiker hat sich in seiner neuesten Publikation eingehend mit der Köpenicker Straße beschäftigt. Er umreißt die Geschichte der Straße von 1589 bis 1989. 400 Jahre brandenburgisch-preußischer Geschichte und Berliner Stadtgeschichte werden aus der Perspektive „von unten“ nachgezeichnet. Dabei spannt Dieter Hoffmann-Axthelm den großen Rahmen und füllt diesen minutiös mit den kleinen Details und Informationen aus. Ein beeindruckend dichtes Bild ist das Ergebnis. Der Autor hat dafür jahrelang akribisch in Archiven Bau- und Tiefbauakten durchforscht, Grundbucheinträge gesichtet, Bauanträge studiert, ist Akten der Feuersozietät durchgegangen, hat Lagepläne geprüft, Grundakten des Stadtgerichts gefiltert sowie Aktenvermerke der Verwaltung und Ackerverzeichnisse durchgesehen, eine Sisyphusarbeit! Der Autor stellt dazu vorwiegend ökonomische Betrachtungen an.

Die räumliche Betrachtung erstreckt sich vom Schultze-Delitsch-Platz bis zur Lohmühleninsel. In dieser Gegend werden die historischen und ökonomischen Details und Ereignisse festgehalten. Die Topografie der Straße wird auf der Zeitachse von der vorindustriellen Zeit bis 1989 in neun thematischen Kapiteln festgehalten. Die Entwicklung beginnt mit der kurfürstlichen Allee bis hin zuden städtischen Straßen, der Entstehung der Holzmärkte, der Kalkbrennereien und des Baustoffhandels, den Ursprüngen der chemischen Industrie und der Kattunindustrie. J.P. Duplantier war der erste Berliner Kattunfabrikant. Er war aus Genf über Offenbach nach Berlin gekommen. Da es in Berlin weder Baumwollspinnereien noch Baumwollwebereien gab, war man auf das Bedrucken importierten englischen des Tuches angewiesen. Obwohl die Voraussetzungen nicht ideal waren, wurde für den preußischen Binnenmarkt und für den osteuropäischen Markt produziert.

Die Straße war Kasernenstandort, aber auch Adresse für den Amtsadel und bürgerliche Unternehmer die hier „Meiereien“, Schäfereien und Standesgärten betrieben. Die jüdischen Familien Itzig und Mendelssohn-Bartholdy erwarben Gelände entlang der Köpenicker Straße. Der Magistrat von Cölln hatte dort eine Schäferei und Meierei anlegt. 1648 erwarb der Cöllnische Bürgermeister Bartholdy diesen weitläufigen Garten mit mehreren Wirtschaftsgebäuden. Sein Sohn Christian Friedrich Bartholdy baute das Anwesen weiter aus. Seine Erben verkauften die Meierei nebst Brauhaus, Branntweinbrennerei, Gebäuden zur Viehzucht sowie Baum- und Küchengarten dem Magistrat. Dieser veräußerte sie wiederum an Daniel Itzig, einen der wichtigsten Silberlieferanten für die staatliche Münze und Münzpächter unter Friedrich II. Er erwarb 1771 und 1773 mehrere Grundstücke die sich zwischen der Schlesischen Straße 10 bis 23, heute Falckensteiner Straße, bis zur Taborstraße und dem “Luisenhof” in der Köpenicker Straße 185/186 befanden. Itzig baute sich dort eine Sommerresidenz mit einem schlossartigen Park. Die jüdische und christliche Oberschicht Berlins traf sich jenseits von Standes- und Bekenntnisgrenzen hier. Lea Salomon, die Enkelin von Daniel Itzig, heiratete 1804 den Bankier Mendelssohn. Ihre Kinder   verbrachten ab 1811 viele Sommer in der Meierei vor dem Schlesischen Tor. Der Namenszusatz „Bartholdy“ dieses Familienzweiges hat seinen Ursprung in der Geschichte der Sommerresidenz als Bartholdysche Meierei. Mit deren Übertritt zum Christentum 1822, nahmen sie den Namen Mendelssohn-Bartholdy an.

1740 war der Charakter der Köpenicker Straße größtenteils noch ländlich. Geprägt von Ackerbürgern und Gartenbau von einem mittelbreiten Feldweg von Bäumen gesäumt. Durch den Separationsvertrag verzichteten die Eigentümer bis 1843 auf ein Drittel ihrer Flächen zur Anlegung öffentlicher Verkehrsflächen. Mit dem Ende des Acker- und Gartenbaus verlegte die Firma Späth in den 90er Jahren die Baumschule von der Cuvrystraße in den Baumschulenweg. Ihre Grundstücke erlebten eine Wertsteigerung und die preußischen Behörden in Berlin konnten so die Straße entsprechend neu anlegen. Die Lederwarenverarbeitung und Brandweinfabriken siedelten sich hier an. Die Lage direkt an der Spree hatte eine eminent wichtige Bedeutung für die Entwicklung der Stadt zur Großstadt. Die Lederwarenverarbeitung und Brandweinfabriken siedelten sich auch hier an.

 

Dieter Hoffmann-Axthelm geht auch auf die Entstehung der bürgerlichen Selbstverwaltung, die unterschiedlichen Abwehrformen des Staatskirchentums und auf die Bildung der Jungen Liberalen ein. Der Autor stellt fest: „Das Vorpolitische des Armenthemas ermöglichte ein breites Bündnis zwischen unterschiedlichen sozialen Stellungen und kirchlichen Richtungen. Die Ausdifferenzierung setzte in den dreißiger Jahren ein.“

 

Den Zeitraum von 1740 bis 1871 sieht Hoffmann-Axthelm für die Köpenicker Straße als den Zenit an: „Die Konstruktion des Bismarck-Reiches bedeutet das Ende der preußischen Straße. Danach war sie eine interessante Großstadtstraße unter vielen anderen und ihre weiteren Entwicklungen zeichnen nach, was man vom Stadtganzen ohnehin weiß, Krisen, Kriege, Bombardierung, Teilung, die Mauer von 1961, das Hindämmern grenznaher Bereiche, der Mauerfall 1989.“

 

Während die ersten acht Kapitel im Wesentlichen deskriptiv sind, lädt das neunte Kapitel „Die Großstadtstraße, Bau und Zerstörung (1871 – 1989)“ mit mancher Ansicht des Autors zur Diskussion ein. Der Tenor und die Sicht auf die Zukunft Straße ist pessimistisch und behält die Perspektive „von unten“ weiterhin als Betrachtungsperspektive bei. „Zwar gibt es seit Jahren eine Sanierungsplanung light, aber eine Vorstellung vom Wert der Straße oder eine Idee, was aus ihr werden sollte, existiert weder bei den beteiligten Bezirken noch im Senat. Die Straße kann sich also nur selbst verteidigen.Man wird abzuwarten haben, wie zäh ihre Struktur tatsächlich ist und was an Wiedererkennbarem übrig bleibt. Was wäre dieses Buch ohne die Hoffnung auf ein drittes Leben seines Gegenstandes.“

 

Hoffmann-Axthelm konnte diese akribische Untersuchung dank eines Jahresstipendiums der Stiftung Preußische Seehandlung durchführen. Anfang 1989 beendete er das Manuskript. Fehlende finanzielle Mittel machten es jedoch erst jetzt möglich, dass das Manuskript mit geringfügigen Textänderungen gegenüber der Fassung von 1989 sowie ergänzenden Literaturangaben erscheinen konnte. Eine detaillierte Studie über eine wandlungsfähige und geschichtsträchtige Straße.