Katakomben unter dem Anhalter Bahnhof — Reportage 1929

Anhalter Bhf 1944 Gleisplan Detail1929 war Weltwirtschaftskrise. Menschen schliefen in Gängen unter dem Anhalter Bahnhof. Davon berichtet Harry Wilde in einer Reportage in „Berlin am Morgen“ vom 21. Juni 1929.

Der Anhalter Bahnhof war nicht nur der Personenbahnhof. Es gehörten auch der Postbahnhof und der Güterbahnhof dazu. Alle diese Bahnhofsteile waren durch unterirdische Gänge für den Transport der Post, des Gepäcks, der Güter verbunden, mit extra Tunneln für das Personals und die Reisenden.

 

„Berlin am Morgen“, 21. Juni 1929, Seite 6

Ein 300 m langer Gang unter dem Anhalter Bahnhof

 

Einer unserer Mitarbeiter hat eine abenteuerliche Entdeckung unter der Berliner Oberfläche gemacht. Er hat einen unterirdischen Tunnel ausfindig gemacht, der allnächtlich als Unterschlupf für Obdachlose dient. Seine Schilderung erinnert geradezu an die berühmten Elendsbilder unten den Brückenbogen von Paris.

Die Lichtreklamen werfen Strahlenbündel in das nächtliche Dunkel und erleuchten den Potsdamer Platz taghell. Die „Kaffeemühle“, das in Tausenden von elektrischen Glühbirnen strahlende Dach des Cafés Vaterland mit seinen rotierenden Lichtkegeln lenkt die Blicke der Reisenden auf sich, die die breite Freitreppe des Potsdamer Bahnhofs herunter fluten. Diensteifrig öffnen junge Burschen den Schlag der heranrollenden Taxi in der Hoffnung, sich ein paar Groschen für Schlafgeld zu verdienen. Vor dem Untergrundbahnhof werden die Gitter geschlossen: der letzte Zug hat die Station passiert.

Langsam leert sich der Platz. Die Straßenmädels suchen hinter Mauervorsprüngen vor dem aufkommenden feinen Sprühregen Schutz. Die durchdringende Nässe weckt die Schläfer auf den Bänken. Mit hochgeschlagenen Rockkragen zockeln sie langsam in die dunklen Nebenstraßen, um sich in einem offenen Haustor einen trockenen Platz für die Nacht zu suchen. Die regennasse Asphaltstraße spiegelt den Schein der riesigen Bogenlampen wieder; zehn Schritte weiter aber die liegt Welt im Dunkeln.

Vier Burschen drücken sich an der Häuserfront entlang. Mit hastigen Schritten erreichen Sie den Hafenplatz, scheu nach dem patrouillieren Schupo Ausblick haltend. Dann sind sie hinter einer Hausecke jenseits des Hafens plötzlich verschwunden.

Durch einen finsteren Torweg kommt man hier die Katakomben von Berlin, einen fast 800 m langen Gang unter dem Anhalter Bahnhof. Rangieren Bezüge donnern über den rund gemauerten Decke des schmalen Gewölbes. Eine dicke erstickende Luft füllt den Raum. Wenige elektrische Lampen kämpfen gegen die immer währende Nacht dieser Keller. Die vier Burschen schleichen auf Zehenspitzen über das holprige Kopfpflaster und suchen sich ein Lager hinter einem breitbrüstigen Lastwagen.

In den Ställen schlagen die Pferde mit den Hufen gegen die Boxen. Erschreckt unterbrechen die Burschen ihr flüsterndes Gespräch, in Besorgnis, durch einen Pferdediener verjagt zu werden

Weiter hinten liegen schon mehrere junge Burschen mitten im Weg. Unsere Taschenlampen werfen fantastische Schatten auf die Mauern. Eine Katze, eine quietschende Maus im Maul, flüchtet mit hastigen Sprüngen an uns vorbei.

Die drei Jungens im Gang wachen auf, reiben sich schlaftrunken die Augen und starren erschreckt auf die unbekannten Eindringlinge. Man kennt sich nämlich und weiß, wer zur „Familie“ gehört. Absatz unser Ruf: „Gut Freund“ beruhigt sie, und bald sitzen wir bei einer Zigarette einträchtig auf der eilfertig ausgebreiteten Pferdedecke beieinander. Ihre Lebensschicksale? Sie erzählen nichts Besonderes. Ihr Lebensweg gleicht denen vieler Tausender, im Zuhause zu viele Kinder. Not und ein Schuss Abenteuerlust treibt sie auf die Walze, und bald liegen sie in der Großstadt ohne Obdach auf der Straße. Ihre tief liegenden Augen blicken hoffnungslos in die düstere Nacht. Von der Decke tropft es in regelmäßigen Abständen mit leichtem Klatschen.

„Still!“ ruft da einer. Ferne Schritte. „Das ist Fritz!“ Näher die Schritte. Fritz ist da, erstaunt, Besuch vorzufinden, und mustert uns misstrauisch. Er hat zwar „saubere Fleppen“, aber keiner will doch gerne „hochgehen“.

Fritz ist der heimliche Führer der Katakombenbewohner. Alle ordnen sich willig seinen Erfahrungen unter, alle wissen, dass er kameradschaftlich für alles sorgt. Er ist älter als die Anderen, hat fünf Jahre Fremdenlegion hinter sich.

An seine drei „Kumpel“, die bei ihm liegen, verteilt er ein paar Stulle, die er heute beim „Kloppen“ erhalten hat. Und dann erzählt er:

Sein Vater Weber in den schlesischen Hungerbezirken. Neun Kinder steckten die Beine unter den Tisch. Als der älteste „gefirmt“ war, musste er mitverdienen. Die Eltern, fromme Leute, die trotz aller Not immer der Kirche gaben, „was ihr zukam“. Als aber der zwei Jahre ältere Bruder mit zerschmettert Gliedern aus dem Bergwerk geholt wurde und der Priester Begräbniskosten forderte, da lehnte sich der Fritz gegen den christlichen Seelsorger auf, der mit salbungsvollen Reden den Hunger der Kinder stillte. Dann wurde er arbeitslos, der Fritz, und ging kurz entschlossen auf Walze. In Euskirchen verschrieb er sich, wie er sagte, den Werbern der Fremdenlegion. Fünf Jahre im algerischen Sonnenbrand folgten. Wegen Unbotmäßigkeit degradiert, wurde er nach seiner Dienstzeit aus Frankreich ausgewiesen. Aber sein „Vaterland“ behandelt ihn auch nicht besser. „Unterstützung gibt es nicht für solche, wie Sie sind!“, sagt ihm der menschenfreundliche Wohlfahrtsvorsteher. Nirgends kann er sich polizeilich melden, aus der „Palme“ ist er schon längst verwiesen, und wegen Betteln hat er 14 Tage Knast hinter sich. Und als Wohnungslose kriegt er nicht mal Notstandsarbeit, und so gibt es für ihn keinen Ausweg aus diesem Elend. „Wenn Sie mich hopp nehmen, dann kriege ich statt Verweis!“ Wo soll er hin? Nach Hause? Die haben doch selber nichts!

So ist seine Lebensgeschichte eine furchtbare Anklage gegen die bürgerliche Gesellschaft.

Heller Tag ist es, als wir die „Katakomben“ verlassen. Ein feiner Nebel auf dem Hafenplatz. Die Straße liegt grob und trocken vor uns. Ein Chauffeur im Dress tankt seinen Wagen für die Fahrt seiner Herrschaften ins Bad. Die Frühkneipen öffnen ihre Pforten; die ersten Gäste, Nachtschwärmer und Straßenmädels, „Kunden“ und Zeitungsausträger, kommen auf einen hastigen Imbiss in das Lokal.

Ein Morgen wie alle anderen. Keiner weiß, dass nur wenige Schritte von hier entfernt Menschen dazu verurteilt sind, auf hartem Boden in dumpfen, unterirdischen Höhlen zu schlafen.