Jahresrückblick 2017

Was für uns in diesem Jahr von Bedeutung war, findet man hier. Was an jedem einzelnen Tag passierte, ist im Blog der Berlin Story ausführlich dokumentiert, aber auch auf Facebook. Daneben gibt es noch die persönlichen Facebookseiten von Wieland Giebel und von Enno Lenze – teils mit anderen Schwerpunkten.

Der Laden Berlin Story Unter den Linden 10. Er wurde ebenso wie die beiden Läden Unter den Linden 40 in den ersten Tagen des Jahres 2017 geschlossen.

Das zwanzigste Jahr der Berlin Story, 2017, ist das Jahr des radikalsten Wandels und der erfolgreichen Neuaufstellung. Während die politischen Verhältnisse in Deutschland stabil sind, verändert sich Berlin schnell und folgenreich. Der wirtschaftliche Aufschwung bringt höhere Mieten, in unserem Fall in den Läden Unter den Linden siebzig Prozent mehr. Gleichzeitig kommt es zu strukturellen Veränderungen in mehreren Bereichen: Der Einzelhandel in den Innenstädten ist rückläufig, der Buchverkauf in den Buchhandlungen geht deutlich zurück (13 Prozent in fünf Jahren), Souvenirs und Postkarte werden weniger gekauft, der Online-Handel boomt – ohne dass wir daran effektiv teilhaben können. Amazon zieht zwanzig Prozent des Buchumsatzes ab. Speziell für unsere drei Läden Unter den Linden wirkt sich die Baustelle der U5 katastrophal aus. Mit dem Beginn der Bauarbeiten – nur noch Staub und Lärm Unter den Linden, keine grüne Mittelpromenade, die Menschen hetzten vorbei – sinkt der Umsatz innerhalb von zwei Jahren um 62 Prozent.

Walter Momper, Regierender Bürgermeister zur Zeit des Falls der Berliner Mauer, bei der Eröffnung im Gespräch mit Ulli Zelle für die Abendschau.

Die Krise als Chance nutzen. Die Veränderung der Berlin Story kündigt sich allmählich an: Der Berlin Story Bunker gehört seit Anfang 2014 dazu. Das Potenzial des Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg war davor durch das Spukhaus und ein bescheidenes Museum zum Bunker selbst nicht optimal genutzt. Enno Lenze beginnt sofort mit Führungen durch den Bunker und zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Ein Jahr später zieht das Berlin Story Museum von Unter den Linden in den Bunker am Anhalter Bahnhof, weg vom touristischen Hotspot, scheinbar etwas ins Abseits. Aber die Katastrophe bleibt aus. Im Gegenteile: Die Besucherfrequenz steigt erheblich.

Im Oktober 2016 und Mai 2017 kommt in zwei Schritten die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ dazu, die umfangreichste Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, entwickelt von Wieland Giebel. Medien weltweit würdigen unser Engagement. Es berichten jeweils mehr als einhundert Journalisten aus aller Welt. Nach der Präsentation des Hitler-Itinerars im Mai 2016 ist dies der dritte Journalisten-Termin mit mehr als einhundert Teilnehmern innerhalb von einem Jahr im Berlin Story Bunker.

Wieland Giebel, Gründer und Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Historiale, bei einer Führung in dem Raum, der zeigt, was Rassismus und Nationalismus der Nazis aus Berlin gemacht hat: Den größten Trümmerhaufen Europas.

Der Kreis schließt sich für uns zum Anfang, als vor zwanzig Jahren die Buchhandlung Berlin Story zur ehrenamtlich Ausstellung über die historische Mitte entstand. Auch heute beruhen alle Projekte im Berlin Story Bunker auf ehrenamtlicher, nicht bezahlter Arbeit. Die Mitglieder des gemeinnützigen Vereins Historiale e.V. erhalten keine Zuwendungen, auch nicht irgendwie indirekt. Die MitarbeiterInnen im Bunker werden natürlich bezahlt.

Das Jahr 2017 fängt mit schwerer körperlicher Arbeit an. Die drei Läden Unter den Linden werden geschlossen. In der Nacht nach dem 2. Januar 2017 findet der Hauptumzug statt: alles raus, alles auf die LKW, alles in den Bunker. In den frühen Morgenstunden sind wir fertig – also, alles ist ausgepackt und muss in den nächsten Tagen und Wochen noch verräumt werden.

Körperlich ging es auch in den vergangenen Monaten zu. Nachdem der Entertainment-Teil im Bunker im Oktober 2016 geschlossen war, wurden entscheidende Teile des Bunkers wieder so weit wie möglich in den ursprünglichen Zustand versetzt. Reine Handarbeit. Der Bunker steht zwar nicht unter Denkmalschutz, aber wir tun so oft wie möglich so, als wäre das der Fall. Der Wert des Bunkers wächst für uns ebenso wie für die Besucher durch ein möglichst authentisches Erscheinungsbild. Tatsächlich verbirgt sich aber hinter diesem Aussehen modernste Technik, um den heutigen Sicherheitsanforderungen zu entsprechen.

Modernste Technik wird uns dann zum Verhängnis. Die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ entsteht in den ersten Monaten dieses Jahres. Einzig den Loop hatten wir Ende 2016 festgelegt, also die Besucherchoreographie, den Weg der Besucher durch das Labyrinth des Bunker.

Wie wir bei der inhaltlichen und technischen Planung vorgehen, dürfte ungewöhnlich sein. Erst werden die Höhepunkte der Geschichte festgelegt. Das Schreckensbild des Ersten Weltkriegs, die Pogromnacht 1938, D-Day mit der Invasion der Alliierten in der Normandie und das zerstörte Berlin 1945 – die riesigen Bilder werden zuerst produziert und gehängt. Diese Leuchttürme markieren in den sonst noch leeren Räumen die Wendepunkte, bevor die Dokumentation selbst steht.

Handarbeit. Die Tafeln sind fertig. Hier geht es um die Blitzkriege der Nazi-Wehrmacht in Europa. Niko Tsimplis wird sie nach einem speziell für den Bunker entwickeltem System aufhängen.

Dann folgt Woche für Woche, Tag für Tag die Dokumentation mit mehr als 330 inhaltlichen Ausstellungstafeln und vielen weiteren Orientierungstafeln. Wöchentliche Besprechung, tägliche Arbeit ohne Arbeitszeitbegrenzung; was fertig ist, was Norman Bösch ausgewählt und grafisch gestaltet hat, geht als PDF mindestens an zwei Historiker, oft an drei. Sven Felix Kellerhoff, Historiker und Leitender Redakteure für Zeitgeschichte bei der Welt, sowie Harald Sandner, der beste Kenner von Hitlers Leben, der das 2.432 Seiten Hitler-Itinerar geschrieben hat, Hitler Tag für Tag, prüfen Inhalt, Stil und Visualisierung. Wenn wir noch genauer prüfen lassen wollen, fragen wir Experten wie zum Beispiel Prof. Thomas Weber aus Aberdeen. Alle helfen uns, alle sind blitzschnell und zuverlässig. Insgesamt sehen wir 70.000 Fotos aus Archiven aus aller Welt durch. Von den mehr als 2.400 Abbildungen in der Dokumentation sind 800 bisher noch nicht veröffentlicht gewesen. Langjährige Experten sehen die Dokumentation und staunen.

13 Ordner mit den Berichten, die Theodore Abel im Sommer 1934 gesammelt hat, stehen im Berlin Story Verlag. Der amerikanische Professor polnischer Herkunft veranstaltete in Deutschland ein Preisausschreiben zum Thema: „Warum ich Nazi wurde.“ Der Historiker Sven Felix Kellerhoff dazu: „Die Analyse der erhaltenen Zeugnisse früher Nationalsozialisten verspricht mehr Einsichten als die nächsten fünf oder zehn Hitler-Biografien zusammen.“ das Buch erscheint 2018 im Berlin Story Verlag.

Fachleute nehmen auch wahr, was in dieser Dokumentation neu und in gewisser Weise ebenso sensationell ist wie die hunderte von bisher nie veröffentlichten Fotos aus den verschiedenen Führerhauptquartieren in Form von vergrößerten Kontaktabzügen:

– Die fast 600 Berichte der Sammlung Abel wurden für die Dokumentation ausgewertet und erscheinen im Jahr 2018 erstmals als Buch im Berlin Story Verlag. Theodore Abel hatte im Sommer 1934 auf ein Preisausschreiben von alten Kämpfern der NS-Bewegung Lebensläufe erhalten, Biogramme, mit dem Thema „Wie ich Nazi wurde.“

– das Hitler-Itinerar ist vollständig in einem eignen Raum ausgestellt, 2.432 Seiten Hitler Tag für Tag. Wo der Diktator war, war die Macht.

– 11.800 unveröffentlichte Fotos, die Soldaten für ihr Fotoalbum „Mein Einsatz“ oder „Mein Dienst“ geschossen haben, laufen auf einem Monitor.

– „Ein Mensch wird verwaltet“ – die Ausweise, Zeugnisse und Genehmigungen eines kleinen Unternehmers in Hamburg, der versucht, irgendwie unbehelligt durch die Nazi-Zeit zu kommen.

– Die protestantischen Bauern im katholischen Frankreich, die 5.000 Juden aus Lyon retteten.

– das Tagebuch von Johanna Ruf, die im Alter von 15 Jahren im Anhalter Bahnhof Flüchtlinge versorgte und im Lazarett vor dem Führerbunker Soldaten pflegte – die letzte Überlebende. In der Dokumentation zu sehen und inzwischen auch als Buch im Berlin Story Verlag erschienen „Eine Backpfeife für den kleinen Goebbels.“

Enno Lenze bei der Eröffnung von „Hitler – wie konnte es geschehen“ im Interview mit dem rbb.

Insgesamt, so sagen uns die Fachleute, ist die Forschung für die Dokumentation ungewöhnlich tief, präzise und umfangreich. Maritta Tkalec in der Berliner Zeitung: „Es hat noch keine zusammenfassende Ausstellung zu diesem Thema gegeben, bestenfalls solche, die einzelne Abschnitte zeigten. Die Initiatoren haben wissenschaftlich gearbeitet, erschlossen neue Quellen, gehen systematisch und gestalterisch geschickt vor.“ i24, israelisches Fernsehen: „Eine Weltsensation. Auf Hitlers Spuren.“ – Los Angeles Times: „To help understand how it all happened and how democracy got shunted aside.“ – Washington Post „Really vital for the understanding of the darkes.“ – Estado Sao Paulo „Eine historisch sorgfältige Dokumentation, nicht nur lobenswert, sondern unbedingt notwendig“ – BBC London: „The most extensive research“ – The Times: „800 images that have not been shown in public before. World’s largest permanent exhibition on Hitler and the Third Reich.“ – New York Times „The exhibition has attracted around 20,000 visitors since opening two months ago. Viele weitere Journalisten berichteten.

Die extrem schnelle Arbeit ist nur aufgrund modernster Technik, super Koordination und eisernem Willen möglich. Immer aufpassen, dass man nicht im Alltag in die Nazi-Terminologie verfällt.

Und dann die Katastrophe: Als alles fast fertig ist, sehen wir nichts mehr. Die Daten sind weg. Sie sind alle weg. Der Server, eigentlich gut geschützt, ist über Nacht leer. Das zusätzlich gesicherte Backup ist weg, einfach verschwunden. Kann ja nicht sein …

Doch! Ein Hackerangriff mit Skript in türkischer Sprache, professionell, gründlich, mit sehr vielen Versuchen, einen Ansatzpunkt zum Hack zu finden, und offenbar erfahren sowie mit unendlich viel Zeit. So jedenfalls sagt es uns das Nationale Cyber-Abwehrzentrum. Auch BKA und LKA schalten sich ein, den Weg der Hacker in aufwändiger Kleinarbeit herauszufinden. Wir kooperieren intensiv, geben den Sicherheitsbehörden Zugang zu allen relevanten Daten der Internetseiten. Es sei mit hochwertiger Technik und mit innovativen Methoden angegriffen worden. Und jetzt? Es ist ja trotzdem alles weg. Wir haben eine etwas ältere Version gesichert, nicht am Netz. Die Wiederherstellung aller Daten durch einen kanadischen Experten kostet rund 20.000 Euro. Und warum hat ein türkischer Dienst uns gehackt? Weil wir, weil Enno Lenze, die Pressearbeit von „Pixelhelper“ unterstützen. Diese Organisation hatte ein Dia mit FREE DENIZ an das Gebäude der türkischen Botschaft in Berlin projiziert, fotografiert und im Internet verbreitet. Darüber ärgert sich Erdogan. Der Hack kostet uns einen Monat. Einen ziemlich nervösen Monat. Vom Beginn der Arbeit an der Dokumentation bis zur Eröffnung dauert es nicht vier Monate, sondern jetzt fünf.

Yad Vasehm, das Holocaust Mahnmal in Jerusalem. Wir beobachten eine Gruppe Lehrlinge von Daimler Benz, folgen der gesamten Führung und halten fest, was wichtig ist. Mehrere Tage Analyse von Yad Vasehm (und des US-Holocaust Memorial Museums in Washington) fließen in die Planung der Hitler-Dokumentation ein.

Vor der Eröffnung sehen wir uns in der Welt um, wie es die anderen machen, welche Schwerpunkte Yad Vashem in Jerusalem setzt, wie dort die Führungen organisiert sind und durchgeführt werden, wie sich die Besucher verhalten. Ebenso gibt es eine genaue Analyse und Gespräche im US Holocaust Memorial Museum in Washington, zum Beispiel mit der Leiterin der Dauerausstellung. Auch die Erfahrungen von Museen mit begrenztem Etat wie dem IS- und Foltermuseum in Suleymania in Kurdistan-Nordirak ziehen wir zu Rate oder vom Museum über den Völkermord von Saddam an den Kurden in Halabdscha.

Nach der Eröffnung der Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ häufen sich die Morddrohungen gegen Enno Lenze. Es sind nicht zwei, drei, nicht Dutzende, sondern die Drohungen kommen in dreistelliger Menge – und gehen direkt weiter ans zuständige LKA. Wir können uns auf die gute Zusammenarbeit verlassen. Wenn die politische Polizei zum Arbeitsplatz eines Menschen kommt, der sich auf Facebook mit „Rübe runter, wir wissen, wo Du wohnst“ oder ähnlichem auslässt, kann es sein – und es kam so – dass es einmal sein Arbeitsplatz war.

Um bei repressiven Maßnahmen zu bleiben. Das Fotografierverbot im Bunker wird massiv durchgesetzt. Wir möchten nicht, dass „Ich und Hitler“ oder „Ich und das Hakenkreuz“ oder „Ich und der Holocaust“ auf Facebook erscheinen – jedenfalls nicht mit Fotos aus dem Bunker. Jeder Kunde wird beim Kauf des Tickets darauf hingewiesen. Bis zum Beginn der Dokumentation hat man bereits fünf, jeweils zwanzig Zentimeter große „Fotografieren verboten“ Piktogramme vor sich, es folgen 15 weitere in den Räumen. Wir beobachten das genau und wenn wir jemanden erwischen, muss jedes Foto auf dem Smartphone gelöscht werden. Ein bei uns nicht akkreditierter Journalist zum Beispiel versuchte heimlich Fotos so zu stellen, als sei es eine „lustige“ Nazi-Show und als können man zu uns kommen und verherrlichende Fan-Fotos aufnehmen. Ihm (und anderen) drohten wir eine Strafanzeige an. Auch er löscht alles und hatte vor allem Sorge um seinen guten Ruf – offensichtlich aber nicht um unseren. Null Toleranz.

Zwanzig Jahre Berlin Story, aber das Jahr 2017 macht uns besonders glücklich. Wir haben etwas Relevantes aufgebaut. „We have a Message.“ Wir wollen diese Zeit des Nationalismus und Rassismus nicht mehr und ermutigen jeden Besucher, das Leben nicht so hinplätschern zulassen, sondern etwas für unsere Demokratie, unsere Gesellschaft unsere freie Lebensweise zu tun.

Enno Lenze mit dem Kultursenator Klaus Lederer

Enno Lenze im Gespräch mit Berlins Kultursenator Klaus Lederer in „Hitler – wie konnte es geschehen“.

Dieses Engagement nehmen auch auch die vielen Besucher wahr, die jetzt kommen. Zuerst der Botschafter Israels in Deutschland, er bleibt am hohen jüdischen Feiertag Pessach drei Stunden; Delegationen von NATO, Bundeswehr und der jüdischen Gemeinde sowie des Kirchentags; US-amerikanische Kongressabgeordnete; der Berliner Kultursenator, Dr. Klaus Lederer; der Chef von Visit Berlin, Burkhard Kieker, der Direktor des Stadtmuseums Berlin, Paul Spies.

Friederike von Leoprechting, die Marketing und die Leitung im Bunker übernommen hat, koordiniert all diese Besucher, auch die Termine mit den zahlreichen Gruppen und Klassen. Überwiegend besuchen uns jedoch Individualtouristen.

Durch Tausende von Führungen durch den Bunker und Hunderte durch die Dokumentation Führerbunker kennen wir die Fragen der Besucher, aus Deutschland, aus allen Ländern. Weil wir einerseits nicht so abgehoben sind, andererseits „alles“ wissen und vor allem, weil wir selbst führen, werden uns laufend Fragen gestellt. Der Wissensstand unserer Besucher, ihre sie quälenden Fragen, die verbreiteten Mythen und Irrtümer, die klassischen Wissenslücken, die Verschwörungstheorien – all das kennen wir ohne Marketinguntersuchung oder Besucherbefragung durch Studenten oder eine Agentur. Es ist unser täglich Brot. Wir haben das alles im Kopf und konnten die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ auch deswegen so zielgerichtet aufbauen, schreiben und visualisieren, weil unsere Kompetenz höher ist als die vieler Museumskuratoren, die nicht die tägliche Verantwortung für die Besucher tragen. Umgekehrt ist es so, dass unsere Ausstrahlung und Klarheit auf die Besucher erhellend, aufklärend wirkt. Es besteht, so erfahren wir es, eine Identität zwischen den handelnden Personen und der Aussage. Im Bunker ist es andächtig wie in der Kirche. Ruhig. Ungewöhnlich konzentriert. Die Besucher sprechen nur über die Ausstellung, von der sie vollkommen erfasst sind.

Die häufigste Frage, die sich Historiker gar nicht vorstellen können, weil sie zu blöd zu sein scheint, ist immer noch die, ob Hitler wirklich tot ist, ob er nicht doch nach Argentinien oder an den Südpol entkommen sein. Das U-Boot. Keine Leiche, nie gefunden. Die CIA Dokumente … haarsträubend. Und weil es so haarsträubend ist, haben wir als Antwort auf all diese Fragen einen Blogpost veröffentlicht, der innerhalb von einem halben Jahr sagenhafte 250.000 Mal gelesen wurde. „Hitler ist sicher tot!“

Unterschätzt haben wir die Aufenthaltsdauer. Google misst sie besser als wir das jemals könnten. Momentan beträgt sie zweieinhalb Stunden. Davon, so ist unsere Erfahrung, bleiben viele eineinhalb Stunden. Sie haben noch etwas anderes vor und sind nicht auf den Umfang dieser Dokumentation gefasst. Sie entschuldigen sich regelmäßig, dass sie so schnell gehen. Fast die Hälfte der Besucher bleibt vier Stunden, besonders junge Menschen. Der Anteil jüngerer Menschen zwischen 25 und 35 Jahren ist auch höher als wir vermuteten.

Um den Besuchern den Weg durch die Hitler-Dokumentation zu erleichterten, gibt es den AudioGuide in deutscher und (easy) englischer Sprache. Der AudioGuide beruht auf den Erfahrungen unserer Führungen. Er beantwortet zusätzlich einige Fragen, fasst konzentriert zusammen, was wir vermitteln möchten. Auch den Ein-Stunden-AudioGuide haben wir selbst geschrieben, aufgenommen, technisch auf die MP3 Player umgesetzt. Deswegen können wir diesen Service für nur 1,50 Euro zusätzlich anbieten. Der AudioGuide im Berlin Story Museum bleibt weiterhin im Eintrittspreis eingeschlossen.

Besucherströme im Empfangsbereich des Berlin Story Bunkers. Einige Jugendliche betrachten auf dem Monitor die öffentlich sichtbaren Überwachungskameras.

Was wir allerdings auch unterschätzt haben, ist die Menge der Besucher, besonders die Menge an Besuchern aus anderen Ländern, aus den von der deutschen Wehrmacht überfallenen und vernichteten Ländern. Sie haben Fragen, die wir nicht beantworten.

Unsere Fragestellung „Wie konnte es geschehen“ lässt Aspekte unerwähnt, die zur Beantwortung dieser Ausgangsfrage nicht viel bringen. Der U-Boot-Krieg ist ganz bestimmt außerordentlich spannend, aber erhellt nicht die Frage, wie Hitler an die Macht kam und warum die Deutschen bis zum Schluss verbissen für den „Führer“ kämpften. Auch die Frage, wie viele Menschen genau in jedem der überfallenen Länder umgebracht wurden, spielt für diese Fragestellung keine zentrale Rolle. Es gibt am Ende eine ausführliche Video-Animation über die Toten des Zweiten Weltkriegs und eine Tafel mit vielen Ländern, den Toten dieser Länder und der Gesamtsumme von 70 Millionen Toten.

Es fehlen jedoch die Toten einiger kleiner Länder wie zum Beispiel Dänemark oder Litauen. Unterschätzt haben wir die Bedeutung, die unsere Dokumentation auf die Besucher aus diesen Ländern hat. Für diese Besucher ist von erhebliche Bedeutung, vorzukommen, genannt zu werden. Die Toten des Landes müssen gewürdigt werden, dürfen nicht vergessen werden. Wir haben uns bei der Entwicklung der Dokumentation nicht intensiv genug die Perspektive dieser Besucher zu eigen gemacht. Ähnlich verhält es sich mit Homosexuellen, mit Lesben und Schwulen. Sie kommen bisher nur am Rande vor. Ihre Verfolgung, ihr Leid wird in nächster Zeit ausführlich dargestellt. Kirche – diese Ausstellungstafel ist sogar fertig und wir haben sie einfach vergessen. Jetzt poppte sie bei der Suche nach anderem Material plötzlich auf dem Monitor von Norman Bösch auf. In diese Richtung geht also unsere Arbeit im kommenden Jahr.

Einige Aspekte dieses Jahresrückblicks sind im Buch über den Berlin Story Bunker, einschließlich der Hitler-Dokumentation, des Berlin Museums sowie des „Making of …“ ausführlicher dargestellt. Das Buch gibt es für fünf Euro im Bunker oder man kann es beim Verlag bestellen.

Wir haben 2017 viel erreicht und bewegt – aber 2018 wird nicht weniger spannend. Wir wünschen Ihnen, dass ihr Jahr 2018 so spannend und erfolgreich wird, wie unser Jahr 2017.

Wieland Giebel und Enno Lenze vor der Installation „Berlin kaputt“ mit der zerschlagenen Hitler-Büste. Wir haben eine Büste anfertigen lassen, Enno Lenze hat sie (mit Fernsehen und Presse) zerschlagen. Hitler gehört nicht, wie in mehreren anderen Dokumentationen, auf den Denkmalsockel. „We have a message!“

Ihr Wieland Giebel und ihr Enno Lenze

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  1. […] Dieses Jahr war mal wieder sehr turbulent, aber ich habe auch viel geschafft. Insgesamt lief es aber deutlich ruhiger und sortierter, als in den vergangenen Jahren. Mein großes Problem bleibt mein Zeitmanagement. Mein Büroalltag als Verleger frisst genug Zeit. Nach der Arbeit manage ich ehrenamtlich im Berlin Story Bunker die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ und das „Berlin Story Museum„, so oft es geht fliege ich nach Kurdistan (Irak) und helfe dort in Flüchtlingscamps oder bin als Kriegsberichterstatter an der IS-Front. Dieses Jahr habe ich noch ein Buch über mein Leben geschrieben. Das geht, macht es aber nicht einfacher. Hier nun aber der Überblick über die Höhepunkte meines Jahres 2017. Den Jahresrückblick der Berlin Story findet ihr hier. […]

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