„Ich traf Hitler“ — Thomas Weber dazu in The Journal of Holocaust Research

Thomas Weber berichtet in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland darüber, dass der Antisemitismus Hitlers in diesem Buch sechs Jahre früher erwähnt wird als bisher bekannt. Das ist wichtig, weil unter Historikern immer noch nicht geklärt ist, worin eigentlich der Grund für Hitlers Antisemitismus liegt, der zum Holocaust und zum Vernichtungskrieg führte. Im folgenden Interview erläutert Weber die Bedeutung. Der Beitrag von Prof. Thomas Weber von der Universität Aberdeen aus dem Journal of Holocaust Research erscheint übersetzt in „Ich traf Hitler“. Es geht um eines der nahezu 50 Interviews, die Karl Höffkes in den 1990er Jahren mit Zeitzeugen geführt hat, die mit Hitler direkt zu tun hatten – von seiner frühen Zeit in München bis zum Selbstmord im Führerbunker. Das Buch erscheint im März 2020 im Berlin Story Verlag.

Thoralf Cleven befragt Thomas Weber für das Redaktionsnetzwerk Deutschland:

Berlin. Der Historiker Thomas Weber eckt mit seinen Aussagen zum Umgang mit NS-Tätern oder der Ursachenforschung zum Judenhass Adolf Hitlers in der Fachwelt gern an. Der deutsche Historiker („Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde“; Propyläen, 2016) lehrt als Professor für Geschichte und internationale Beziehungen an der Universität Aberdeen. Weber sagt, dass vieles darauf hindeutet, dass sich Hitler schon viel früher als er es selbst angab, radikalisierte und schon vor der Wende im Ersten Weltkrieg glühender Antisemit war. In einem am 27. Januar 2020, dem 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung, veröffentlichten Aufsatz für das „Journal for Holocaust Research“ legt der Professor private Ursachen wie verschmähte Liebe zu einem jüdischen Mädchen nahe.

Bislang galt es als ausgemacht, dass Adolf Hitler sich nach dem Ersten Weltkrieg in München radikalisierte und einen seinen politischen Zwecken gemäßen Judenhass entwickelte. Sie zweifeln daran. Warum?

Der konkrete Auslöser war ein Zufall: Bei der Durchsicht bisher unveröffentlichter Interviews, die Karl Höffkes mit Leuten aus Hitlers Umfeld geführt hat – sie erscheinen demnächst herausgegeben von Wieland Giebel – bin ich über die Aussagen zum Ursprung von Hitlers Antisemitismus gestolpert. Eigentlich suchte ich nach etwas anderem. Aber die Grundfrage, wieso und wann sich Menschen und Gesellschaften auf einmal radikalisieren, treibt mich seit Jahren um. Speziell die Frage, wie Hitler zu Hitler geworden ist.

In ihrem Buch „Wie Hitler zum Nazi wurde“ führten Sie 2016 seinen Judenhass auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Nun zweifeln Sie daran?

Ja, ich bekam mehr und mehr Zweifel an meiner eigenen Erklärung. In der englischsprachigen Aussage des Buches habe ich sie 2017 weiterentwickelt. Ich stellte – noch etwas zögerlich – die Frage, ob uns nicht doch etwas ganz Wesentliches aus der Vorkriegszeit des Ersten Weltkriegs entgangen ist. Etwas, ohne das wir Hitlers plötzlichen, radikalen Antisemitismus nicht verstehen können. Der amerikanische Historiker Harold Marcuse stellte zum Beispiel die Frage, ob wir nicht zumindest in Erwägung ziehen müssten, dass etwas sehr Persönliches oder sehr Traumatisches in der Vorkriegszeit des Weltkriegs mit Hitler passiert ist.

Warum werden diese Fragen erst heute gestellt?

Viele Dokumente – gerade aus Privathand – kommen erst jetzt ans Tageslicht, nachdem die meisten derjenigen, die das Dritte Reich noch bewusst erlebt haben, verstorben sind. Außerdem haben wir uns lange mit Sammlungen, die die Täterperspektive beschreiben, schwer getan. Das galt lange Zeit als unappetitlich. Dies wandelt sich nun langsam. Wir brauchen dringend – wie die Spielberg-Sammlung von Interviews mit Überlebenden – etwas Ähnliches für Täterdokumente.

Professor Thomas Weber ist Professor für Geschichte und internationale Beziehungen an der Universität Aberdeen.

Sind Hitler und seine Helfer nicht ausreichend analysiert?

Gerade zu Hitler wird viel geschrieben und beschrieben, aber wenig analysiert. Es erstaunt mich immer wieder, wie einfach es eigentlich ist, neue Quellen zu Hitler zu finden – man muss es nur wollen. Viele Bücher über Hitler – auch sehr gute – beschreiben Hitlers Radikalisierung, erklären sie aber nicht.

Woran liegt das?

Viele Historiker in Deutschland, aber zum Beispiel nicht in Israel, sind in Sorge, dass, wenn man sich mit Hitler beschäftigt, die Gefahr besteht, dass Hitler wie in den 50er Jahren alles in die Schuhe geschoben wird. Das führt letztlich dazu, dass wir stolz darauf sind, über Hitler im Kino lachen zu können, wir jedoch die Fähigkeit verlernen, Hitler ernst zu nehmen.

Wie meinen Sie das?

Wir sitzen bis heute noch mehr oder minder der Geschichte auf, die Hitler selbst über seine Genese und politische Evolution erfunden hat. Wir haben aus Hitlers Heldengeschichte ein Trauerspiel gemacht, aber die Handlung beibehalten. Dadurch schauen wir eigentlich auch heute nach den falschen Warnsignalen für neue Hitlers in unserer Welt.

Lesen Sie hier den Aufsatz von Professor Thomas Weber im Original

Welche Ecken sind in der Holocaustforschung noch schlecht ausgeleuchtet?

Alles, zu dem es entweder keine oder nur noch wenige schriftliche Quellen gibt. Als Historiker nehmen wir oftmals nur das wahr, wofür es schriftliche Quellen aus der Zeit des Geschehens gibt. Die Folge ist, dass wir über die meisten Lager – mit Ausnahme von Auschwitz – und vielen Erschießungen nichts wissen. Zu den meisten Todeslagern gibt es kaum Akten.

Wir wissen zu wenig?

Über die Genese des Holocaust – eindeutig ja! Weil es zu wenige schriftliche Quellen gibt, wird meines Erachtens deshalb auch Hitlers persönliche Rolle häufig unterschätzt.