„Hitler – wie konnte es geschehen“ — die ersten Tage



So grummelig, so missmutig wirkt der Mann um die 60 Jahre, der durch die Hitler-Dokumentation geht. Ich traue mich kaum ihn anzusprechen. Vielleicht hat er eine fundierte Kritik. Bisher gab es bei den Auswertungsgesprächen an den ersten Tagen nur Lob.

 

„Wir kommen in jedem Jahr aus München nach Berlin und sehen uns hier alles an. Woanders natürlich auch. Jedenfalls kennen wir in Berlin alle Gedenkstätten und Museen, die damit zu tun haben. Aber so etwas, das haben wir noch nicht gesehen. Sensationell. Das ist mit weitem Abstand das Beste, was wir jemals zum Thema Nationalsozialmus gesehen haben. Alles stimmt: Kurze, klare Texte, angenehm zu lesen. Nicht so ein museales und wertfreies Geschwafele. Jede Ausstellungstafel ist notwendig. Jede hat eine klare Aussage. Viele von den Bildern haben wir noch nicht gesehen, obwohl wir … wo haben Sie die nur her? Wir werden Sie unbedingt und uneingeschränkt weiter empfehlen.“

 

Wo haben wir die Bilder her? Aus sehr vielen Quellen, Zehntausende. Diese drei haben Soldaten an der Front aufgenommen. Es gab damals bereits preiswerte Fotoapparate. 12.000 allein dieser Fotos sind auf einem Monitor zu sehen.

 

Sofort mit Öffnung der Ausstellung haben wir anfangen, Besucher intensiv zu befragen. Am Vorabend ist bis nach 22 Uhr alle so weit in Ordnung, dass wir öffnen können.

 

Mehrerer Besucher nehmen das Kombi-Ticket „Berlin komplett“ zu 21 Euro.
Vier Schweizer, Eltern und erwachsene Kinder, meinen, sie seien zwei Stunden in „Hitler – Wie konnte es geschehen“ gewesen, waren aber dreieinhalb Stunden in der Ausstellung. Besonders gut sei, dass nicht nur der Krieg gezeigt wird, das sieht man immer im TV, sondern die Vorgeschichte der Machtergreifung der Nazis. Sehr, sehr detailreich, aber man kann aussuchen, muss ja nicht alles lesen.

 

Ausführliches Gespräch mit Janina und Bianka aus der Nähe von Stuttgart, beide 19, kennen sich von der dualen Ausbildung bei der Telekom und sind zusammen mehrere Tage in Berlin, volles Programm. Sie haben das Schild gesehen mit den verschiedenen Angeboten, kamen zu Kasse und hatten sich bereits entschieden. Bei anderen dauert es ewig und die Mitarbeiterinnen müssen mehrfach erklären.
Dreieinhalb Stunden Hitler, eine Stunde Bunkertour mit Gianluca, dann Gespräch mit uns, anschließend Museum. Insgesamt sind sie sieben Stunden im Bunker.Ist es für Azubis teuer? Nein. Ganzer Tag und super Inhalt, ist ok. In der Schule gab es viel Antike und Mittelalter, kaum Nationalsozialismus. „Dabei ist das ist ja gar nicht so lange her!“ Für die beiden haben wir reichlich Kuchen geholt und ihnen die Reste eingepackt.
Das Mauermuseum am CPC sei durcheinander, keine Struktur, Texte schwer lesbar. Dagegen erhalten wir extremes Lob über die Führungsstruktur bei uns. Das haben wir später von allen so gehört.

 

Mit Kuchen kommen wir bei den nächsten nicht weiter, der Stahlbauer aus Hamburg will lieber ein Bierchen – das holen wir schnell an der Bude. Er ist mit seiner Freundin in Berlin, einer Heilerzieherin. Sie hat geplant (wie fast immer). Ein AudioGuide wäre gut für den Stahlbauer „Ich lese sonst nicht so viel“. Im Berlin Story Museum sei der AudioGuide angenehm, nicht so lang (30 bis 90 Sekunden). Neulich im Jüdischen Museum waren es bis zu sechs Minuten, das geht gar nicht.
Lob für die sehr gute Ausschilderung und den hervorragenden Stahlbau.
In der Schule hatten sie etwas darüber, aber erste in der Berufsschule. Sie hatte viel Nationalsozialismus. Für ihren Lehrer sei wichtig gewesen, wie schnell das gehen kann, wie schnell eine demokratische Gesellschaft umkippen kann.

 

Vor 18 Uhr kommt ein amerikanisches Pärchen aus Ohio. Wir sagen, dass es zu wenig Zeit sei. Sie wollen unbedingt und kommen bis zur Machtergreifung, sind aber vollkommen zufrieden.

 

Am nächsten Tag sind zwei junge Frauen aus Ohio da, die sechs Stunden bleiben, alles gesehen haben, die Bunkerführung mitgemacht haben und zwischendurch einige Zeit draußen waren. Das bieten wir an.

 

Eine Gruppe von vier Amerikanern zu gleichen Zeit schaffen es in einer Stunde durch WKEG und BSM zu laufen, auch sehr zufrieden. (Ich kann das verstehen, sehe mir auch manchmal Museen extrem schnell an und freue mich dennoch). Die waren am gleichen Tag in Oranienburg, Holocaust Mahnmal, noch ein oder zwei Orte „so wenig Urlaub.“

 

Der erste Individualbesucher am ersten Tag wartete schon vor zehn Uhr. Schwerer Rucksack, tief gezogene Mütze, gebeugter Gang, schlurfend. Er ist in weniger als eine halben Stunde durch die gesamte Ausstellung gelaufen und verschwindet, ohne dass man ihn ansprechen kann.

 

Kein anderer Besucher ist weniger als zweieinhalb Stunden in der Ausstellung, einige bleiben vier Stunden. Das ist bisher die durchschnittliche Besuchsdauer. Im Museum for American History in Washington sind es sechs Stunden.

 

Nie, nicht ein einziges Mal kommt die Frage „Arbeiten Sie mit Wissenschaftlern zusammen?“ Das ist eine Frage von Journalisten und immer wieder von Mitarbeitern anderer Museen. Ein Blick auf Wikipedia oder etwas Googeln könnte zeigen, was wir selbst über das Dritte Reich geschrieben oder herausgegeben haben, unseren Blog würde zeigen, welche Geschichtsprofs in letzter Zeit bei uns waren, ein Besuch im Museum würde zeigen, wer die wissenschaftliche Beratung macht und man könnte auch sagen, Ian Kershaw (2.000 Seiten, führender Hitler Biograf) meint, das Hitler-Itinerar von Harald Sandner, zentraler Teil der Ausstellung, sei hervorragend.