Heimatfront – der Untergang der heilen Welt – Buchbesprechung

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Im Vietnam kam das Ende des Krieges, als die Heimatfront in den Vereinigen Staaten von Amerika zusammenbrach. Darüber wurde viel geschrieben.

Über die Heimatfront im Ersten Weltkrieg gab es nichts – das Buch von Sven Felix Kellerhoff ist das erste dazu. Jubelnd zogen die Menschen in den Ersten Weltkrieg – geschlagen kamen sie zurück. Der Krieg spielte sich nahezu vollständig außerhalb von Deutschland ab, deswegen finden sich in Berlin relativ wenige Spuren.

Das Buch geht aber nicht um Berlin, sondern um Deutschland. Kellerhoff hat natürlich über Berlin und München Quellen gesucht aber auch über Viersen am Niederrhein, über den ostpreußischen Landkreis Lötzen, die Garnisonsstadt Hildesheim sowie die Universitätsstadt Freiburg.

In Hildesheim unterhielten sich Menschen auf der Straße, so wird es in einem Tagebuch festgehalten, darüber, dass es gegen Serbien und Russland schon klappen würde mit dem Krieg „Wenn nur England außen vor bleibt.“

Auch im Westen lief der Krieg schon von Anfang an nicht gut, gar nicht so gut wie in den Manövern zuvor. Die belgische Armee, die „in den deutschen Generalstäben gern verspottet worden war, leistet den vorrückenden kaiserlichen Soldaten heftigen Widerstand“.  Die Nachrichten aus Belgien kamen schneller an die Heimatfront als die aus der ostpreußischen Provinz.

In Freiburg wirkten sich die ersten Transporte mit Schwerverwundeten, die aus den harten Grenzschlachten in den Vogesen kamen, bedrückend aus. Die Soldaten lagen in Turnhallen-Lazaretts, der Schulunterricht musste ausfallen, Verstümmelte waren überall zu sehen.

Schon 1916 war die Versorgung der Zivilbevölkerung, der Heimatfront, zusammengebrochen. Vor dem Butterladen warteten mehr als hundert Menschen, zwei Polizisten sorgten für ordnungsgemäßes Verhalten. Ein Herr in Jägerkluft benutzte einen Spazierstock mit angeschraubtem Sitz. „Dieses neue Gerät zur Butterjagd wurde viel bewundert.“

Die neue, gegen Kriegsende gebildete erzkonservative Vaterlandspartei begrüßte, so berichtet einen weitere Tagebuchschreiberin, in Ostpreußen Frauen sogar als „besondere Mitglieder„.

Die Veränderungsprozesse der Gesellschaft werden in diesem Buch immer anhand von gut recherchierten Geschichten erzählt, „Geschichte in Geschichten“. Dadurch sind die Ereignisse plastisch, aus den Quellen und aus dem Alltag heraus entwickelt und dann in größeren, analytischen Zusammenhang gestellt. Hervorragend zu lesen, erstaunlich bildhaft – wie ein Dokumentarfilm.

Das Buch hat 320 Seiten, kostet 19,99 Euro und liegt in der Buchhandlung Berlin Story Unter den Linden 40 seit gestern auf dem Neuerscheinungstisch.

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