Gleisdreieck — empfohlen von der Gesellschaft für Comicforschung — Highlight des Jahres 2015

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ComFor-Leseempfehlungen 2015

Jörg Ulbert / Jörg Mailliet: „Gleisdreieck. Berlin 1981“
Bitte nicht noch eine Graphic Novel über deutsche Zeitgeschichte! Bitte nicht noch ein weiteres von Feuilletonisten, Pädagogen und Historikern gefeiertes Drama, das jedweden Unterhaltungswertes entbehrt! Und dann auch noch Berlin – na, das ist ja mal selten originell. »Gleisdreieck. Berlin 1981« musste sich diesen, meinen Vorbehalten stellen – und belehrte mich schon nach den ersten Seiten eines Besseren. Auf der Innenseite des Umschlages bekommt der Leser eine Playlist präsentiert. Es handelt sich dabei um eine Art Score, da die elf Songs sich in der Geschichte wiederfinden. »Berlin 1981« wird somit nicht nur visuell, sondern auch akustisch zum Leben erweckt. Ein synästhetisches Leseerlebnis, das Atmosphäre und Zeitgefühl schafft. Gute Recherche und Detailverliebtheit was Mode, Inventar und Schauplätze betrifft tun ihr Bestes dazu.

 

Originale Demonstrationsplakate, Zeitungstitel, Reklame, Bierflaschen und das »MAD«-Magazin sind kleine Reminiszenzen, die das längere Verweilen auf den Comicseiten lohnenswert machen. Die acht Kapitel erzählen abwechselnd aus der Sicht von Protagonist, einem Undercover-Polizisten, und Antagonist, einem Terroristen aus der Hausbesetzer-Szene.

 

Dabei besticht die packende Erzählung: An eine Lesepause ist da nicht zu denken, denn nach jedem Kapitel kommt eine abstrakt gehaltene Einführung des nächsten, die die Spannung konstant auf einem Level hält und die Hände an den Buchumschlag fesselt. Vor der realen, historischen Kulisse entfaltet sich eine Agentengeschichte, bei der niemand alle Informationen besitzt – der Undercover-Polizist nicht, sein Verbindungsmann nicht, der Terrorist nicht und auch der Leser nicht. Dieser muss sich die Umstände aus den beiden Perspektiven, die nur durch wenige Personen und den Schauplatz vernetzt sind, zusammenpuzzeln. Alle Teile wird er trotzdem niemals finden.

 

Jörg Maillet benutzt weder für Panelränder noch für Gebäudezeichnungen ein Lineal, seine dünnen Outlines sind wackelig und geben dem Comic eine skizzenhafte, doch bei Weitem nicht dilettantische Anmutung. Die Stimmung wird durch die Kolorierung hergestellt, bei der die Farben dreckig, meist düster und sehr gut aufeinander abgestimmt sind. Nur manchmal brechen bunte Nuancen wie Sonnenstrahlen aus der Palette, welche die schönen Momente im Revoluzzer-Milieu zur Geltung bringen. Hin und wieder bekommt man ein Split-Panel zu Gesicht, was die Herzen von Comicexperten und Scott-McLoud-Jüngern höher schlagen lassen wird.

 

Gesellschaft für Comicforschung …

 

Gleisdreieck — Berlin 1981