Fanberichte von einst: Warum sie Nazis wurden

Werner A. Perger schreibt in der Wochenzeitschrift FALTER in Wien:

Fanberichte von einst: Warum sie Nazis wurden
Eine ungewöhnliche Dokumentation über den Weg in die Gewaltkultur des Nationalsozialismus wurde neu aufgelegt und ist hochaktuell

Was ist los in Europa? Sind die neuen Gespenster die alten? Kommt der „Urfaschismus“ zurück, wie Umberto Eco die ständig lauernde Gefahr einmal genannt hat? „Droht Deutschland ein neues 1933?“, fragte denn auch nach den rassistischen Ausschreitungen in Chemnitz der deutsche Historiker Michael Wildt. Eine Gleichsetzung von damals und heute, speziell von AfD und NSDAP, lehnt er ab: zu viel Alarmismus. Aber andererseits: Der Vergleich von damals und heute sei legitim und nützlich. Dadurch werde der Blick auf die Gegenwart schärfer.
Für den Vergleich (nicht die Gleichsetzung) liegt nun eine 923 Seiten starke, ziemlich ungewöhnliche Dokumentation vor. Sie ermöglicht einen sozialpsychologischen Blick in die Zeit der sich ausbreitenden nationalsozialistischen Gewaltkultur. Der Titel ist Programm: „Warum ich Nazi wurde“. Sie enthält über 500 subjektive Aufzeichnungen („Biogramme“) von deutschen Frauen und Männern, die erzählen, warum sie sich für Adolf Hitler und die Nazis begeistert haben.
Eine eigenartige Sammlung mit ebenso eigentümlicher Editionsgeschichte. Zustande kamen diese Bekenntnisse auf Initiative eines Soziologen an der Columbia University, Theodore Fred Abel. Anfang der 1930er-Jahre plante er ein Buch über den Aufstieg des neuen deutschen Politikers Adolf Hitler, den er anhand von Lebensberichten der treuesten Anhänger erklären wollte. Dazu brauchte er die Hilfe der NSDAP und gewann sie für ein überaus ungewöhnliches Projekt: ein Preisausschreiben im Deutschen Reich „für die beste persönliche Lebensgeschichte eines Anhängers der Hitlerbewegung„. Teilnehmen konnte jeder, sofern er oder sie vor dem 1. Jänner 1930 der Partei beigetreten war. Um es kurz zu machen: Abel erhielt nach langem Warten 683 Berichte, von denen er die aus seiner Sicht interessantesten für sein 1938 erschienenes Buch („Why Hitler Came into Power“) auswertete. Ein Sieger des Preisausschreibens wurde nach Recherchen des Herausgebers der nun vorliegenden Dokumentation, Wieland Giebel, Journalist und Chef des Berlin-Story-Verlags, seinerzeit nicht mehr bestimmt. Die europäische Eskalation im Jahr 1938 und der Zweite Weltkrieg kamen dazwischen.
Die Texte aber wurden in den 1970er-Jahren von einer neuen Forschergeneration wiederentdeckt. Was hat die frühen Nazis an Hitler fasziniert, wie war ihr Verhältnis zur Gewalt, wie wurden sie in den 20er-Jahren von ihren Mitbürgern behandelt, und wie waren sie mit den Braunen überhaupt zusammengekommen? Die nun neu sortierten, kommentierten und im Buch zum Teil faksimiliert präsentierten Bekenntnisse der Nazis sind keine objektiven Erzählungen.
Es sind Fanberichte. Harmlos, trotzig, drohend: Die Kernsätze reichen von „Wir sind Gott dankbar für diesen Führer“ und „Wir brauchten in dem Chaos einen Mann, der die Führung übernahm“ bis zum aggressiven Antisemitismus und der Kampfansage gegenüber Andersdenkenden: „Aus den Verwegensten der Verwegenen hatte ich ein kleines Rollkommando meines Sturms zusammengestellt.“

Vor Gleichsetzung wird gewarnt. Auch und besonders 80 Jahre nach dem Novemberpogrom von 1938. Aber vergleichen, das ist erlaubt. Mehr noch: empfohlen!
Der Rezensent Werner A. Perger ist langjähriger politischer Beobachter und schreibt regelmäßig für die Zeit und den Falter