„Einzigartige Klarheit — ein riesiger Verdienst“

25. Dezember 2018

Es waren so viele Besucher im Bunker wie gestern, ich hatte mir vorgenommen zu fotografieren, aber das dauert sehr lange: Erst mit den Besuchern sprechen, Bildbearbeitung, hochladen. Hier statt dessen einige Gespräche vom ersten Weihnachtstag:

Am Ende der Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ spreche ich ein 7jähriges Mädchen mit englischsprachigem AudioGuide an. „Wie war die Erzählung?“- „OK , ich habe das alles gut verstanden.“ – „Und die schrecklichen Bilder mit den Toten?“ – „Die habe ich einfach ausgelassen.“ – „Das ist eine sehr gute Entscheidung.“

Dieses Gespräch bestätigt unseren generellen Eindruck, dass Kinder mit ihren Eltern nicht zufällig in den Bunker hinein stolpern, dass diese Eltern es ihren Kindern zutrauen, dass die Kinder eigene Regelungsmechanismen entwickeln, wie sie damit umgehen. Das Mädchen hatte sich mehr als zwei Stunden auf die Dokumentation konzentriert. Noch zur Erläuterung: Wir sprechen Eltern immer und ohne Ausnahme beim Hereinkommen darauf an, dass die Darstellung des Holocaust sehr emotional und grausam ist.

Ein Herr kam vor elf Uhr und ging nach 17 Uhr. Er hatte sich so einen dreibeinigen Museumsklappstuhl mitgebracht und las alles. Leider wollte er keinen AudioGuide, den wir sehr empfehlen, weil er eine weitere Dimension bietet, einen wichtigen Erzählstrang und im Bereich „Dokumentation Führerbunker“ ausführlicher ist, wo es darum geht, wie Hitler sich umbrachte – und wo viele anfangen schlapp zu machen, weil sie bereits drei, vier Stunden hinter sich haben.

Zum Glück nehmen junge Leute den AudioGuide öfters. Ältere wissen es besser. Als ich den Herrn Ansprach, kam erst einmal Gemeckere: Von der New York Times kommt ein riesiges Zitat, aber von der London Times gar nichts, dabei gibt es zur Langen Nacht der Messer eine hervorragende Karikatur.“ – „Danke. Bitte mailen Sie mir den Link, hier ist meine Karte“. Also ein Engländer, vom Land, aus der Nähe von London. England habe Polen nicht geholfen, sagen wir in der Dokumentation, aber schließlich, sagt er, habe England Deutschland besiegt. Stimmt. Aber die Bündnisverpflichtung zur Zeit des deutschen Überfalls auf Polen wurde nicht eingehalten und von Polen war dann, als die Engländer kamen, nicht mehr viel da. „Wir waren noch nicht bereit für den Krieg.“ – „Ja, so sehe ich das auch, so war es eher.“ Schließlich Auschwitz, hätten die Briten (oder eher Amerikaner) bombardieren können? Eine lange Diskussion, er hatte alles wirklich genau gelesen.

Aber dann kam es: „Sie sind die einzigen, die die deutsche Geschichte dieser dunklen Zeit ausführlich, richtig, übersichtlich und gnadenlos darstellen. Ich kenne alle Dokumentationszentren dazu, kenne die deutsche Geschichte sehr genau. Das ist ein riesiger Verdienst von Ihnen. Und nicht nur das: Es gibt in Europa und in der Welt keine Darstellung der eigenen Geschichte, die so analytisch genau, ehrlich, verständlich und gut gemacht ist. Nicht in England, nicht in Frankreich, auch nicht in Belgien im neu strukturieren Museum zur Kolonialzeit, schon gar nicht in Russland. Selbst das National Museum of American History an der National Mall in Washington glänzt nicht mit diese Deutlichkeit der Aussage. Ihre Dokumentation ist von einzigartiger Klarheit.“

Nächstes Thema: Die jungen Besucher. Man sieht auf den Fotos vom Heiligen Abend, wie viele junge Menschen kommen. Heute zum Beispiel ein Pärchen Anfang Zwanzig, sie mit Kopftuch, er irgendwie ganz anders: „Meine Freundin kommt aus Pakistan, ich aus Ungarn, wir leben in London.“ – Zwei junge Frauen „Wir studieren zusammen in Prag. Meine Freundin kommt aus Bangalore, ich aus Guangzhou.“ Die Mitarbeiter im Service fragten heute intensiv, woher die Besucher wissen, dass wir geöffnet haben. 100 Prozent: Internet.