Dora Pötting – nach 70 Jahren wieder im Anhalter Bunker

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Anhalter Bunker Cover 320

„Es war stockdunkel im Bunker. Ein bestialischer Gestank. Heiß. Es gab kein Wasser. Zu Essen hatten wir seit Tagen nichts mehr. Ich weiß nicht, wie lang wir im Bunker waren. Nicht Stunden, nicht eine Woche. Wir waren bis zur Besinnungslosigkeit erschöpft. Wie im Koma. In diesem Erschöpfungszustand war ich unfähig, Zeit zu empfinden. Nur aufpassen, dass Schwäche, Ermattung und Übermüdung nicht Oberhand gewinnen.“

Der Anhalter Bunker wurde am 1. Mai 1945 evakuiert.

„Wir waren bei den Ersten, die aus dem Bunker raus konnten. Meine Mutter und ich schleppten meinen Großvater (85) über die S-Bahn-Gleise zum Bahnhof Friedrichstraße. Da konnten wir nicht weiter. Es ging nicht mehr. Wir versteckten uns unter den Gleisen. Dann kamen die Russen.“

Dora Nass, geb. Pötting, war heute zum ersten Mal seit 70 Jahren im Bunker. Sie wurde im Januar 1926 geboren, war damals also 19 Jahre alt.

„Wir mussten nach Norden. Die Armee Wenck sollte uns retten. Die Armee Wenck war unsere Hoffnung. Im Nord-Süd-Tunnel konnte man sich nicht verlaufen. Da kam auch durch die Lichtschächte etwas Helligkeit herein. Später ging es weiter. Wie von Geisterhand. Über Trümmer, über Leichen. Als ob das Denken aussetzt. Wir hatten nur eine Decke mit im Bunker. Die nahm mir ein Russe ab.

Doras Großvater hatte die „Königgrätzer Frühstücksstuben“ in der Nähe des Anhalter Bahnhofs. „Da kamen die Droschkenkutscher und die Gepäckträger vom Bahnhof. Alle, die nicht zu Mitropa gingen. Wer bei der Reichsbahn war, war Roter. Viele Freunde von meinem Großvater.

Mein Vater hatte ein Zigarrengeschäft, Max Pötting. Da gab es Zigarren von Loeser & Wolff. Nach seinem Tod konnten wir das Darlehn nicht mehr bezahlen und mussten in eine Kellerwohnung in der Schleiermacher. Das Dienstmädchen meines Großvaters hatte geheiratet, da wurde eine Wohnung frei.

Eigentlich wollte ich Säuglingsschwester werden. Aber mein Bruder, zweieinhalb Jahre älter, studierte. Mehr Geld war nicht da. Dann habe ich nach dem Pflichtjahr in der Anhalter Straße in einem Fachgeschäft für feine Herrenunterwäsche gearbeitet. Die wurde maßgeschneidert. Der Maßschneider für Herrenhemden kam aus Schöneberg.

Die Kunden kamen aus dem Hotel Excelsior und aus den umliegenden Hotels in der Anhalter Straße. Manchmal brachten wir etwas von meinem Großvater zu Frau Fusch vom Hotel. Der Chef wusste davon. Das war für Juden.

Als wir 1943 in der Königgrätzer Straße 55 ausgebombt waren, hat uns eine Garderobiere vom Haus Vaterland, also vom Kempinski, von den Rheinterrassen, in der Schöneberger Straße 6 eine Unterkunft zur Verfügung gestellt. Sie hatte bei meinem Großvater gearbeitet. In der Königgrätzer waren viele Lieferanten vom Haus Vaterland, dem riesigen Vergnügungspalast am Potsdamer Platz. In der Schöneberger gingen wir immer in den Luftschutzkeller. Als das Haus auch von einer Bombe getroffen wurde, mussten wir in den Bunker.

Meine Tante hatte eine Pension in der Köthener. Da waren auch noch bis zum Schluss Leute, in den Hotels auch. Aus dem „Haus der Schönheitspflege“ wurde ein Lazarett. Ich war dann beim Luftschutzdienst. Wenn Alarm war, hatten wir Bereitschaft. Mit der Feuerpatsche nach oben. Die kleinen Bomben konnte man mit der Feuerpatsche oder mit Sand löschen. Wenn welcher da war. Wir standen unten beim Hausobmann im Seiteneingang und haben gewartet, wo etwas runterkam. Also wo Bomben runterkamen. In dem Haus haben Fremdarbeiter gewohnt. Denen haben wir manchmal ein Stück Brot zugesteckt.

Wo ist denn der Güterbahnhof? Da soll ein Waggon mit Zucker und ein Waggon mit Butter stehen. Dauernd gab es Gerüchte. Der Bunker ist so groß! Damals konnte man sich nicht bewegen. Dass er so groß ist, hätte ich mir nicht vorstellen können.

(Mehr über den Berlin Story Bunker und seine Geschichte …)

Später ging wieder eine Pumpe an der Halleschen Straße und eine am Mehringplatz. Als wir an der Pumpe standen, verteilten die Russen Brot. Ich wollte nach Moskau. Man hielt mich für verrückt. Dann habe ich für die Amerikaner Hitler-Stamps gepudert. Die waren ganz wild danach, die gingen dann nach Amerika. Danach habe ich die Lindenstraße enttrümmert. Erstmal eine Spur frei machen für Leiterwagen.

Über die Königgrätzer Straße 55 haben ich viel im Landesarchiv gefunden, Fotos und Informationen über die Architekten.

Bis vor kurzem habe ich 46 Jahre lang am Mauerpark gewohnt. Seit September 2014 bin ich in einem Seniorenheim. Ich habe viel ehrenamtlich gearbeitet. Man muss eine Aufgabe haben, gefordert werden.

Das Gespräch kam zustande durch Katja Kollmann von den Berliner Unterwelten, vermittelt durch Christian Chudzinski.

Mehr über den Anhalter Bunker, heute Berlin Story Bunker, im Buch „Anhalter Bunker Berlin“ von Harald Neckelmann, erschienen im Berlin Story Verlag …

Fotos Sonja Wende und Enno Lenze

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