Donnerstag, 9. August 2007

Kaiserzeit und Moderne im BerlinStory Verlag

Lothar Heinke schreibt heute im Tagesspiegel über „Kaiserzeit und Moderne“

Wenn sie nun unbedingt das Schloss zurückhaben wollen, dann liegt es auch nahe, zu untersuchen, was aus Kaisers Zeiten in der Stadt übrig geblieben ist. Zwei Autoren haben da jetzt Erstaunliches zutage gefördert: Überall ist Kaiserzeit! Ob das nun alte Häuser, Villen oder Theater sind, Bahnhöfe, Unterirdisches im „Bauch von Berlin“, Justizpaläste, Friedhöfe, Museen, Künstlerhäuser oder Verkehrsanlagen – erstaunlich viel davon entstand zu Kaisers Zeiten, hat den Krieg überdauert, wurde, wenn zerstört, wiederhergestellt und macht heute den Reiz der Stadt aus.

„Die Hinterlassenschaft jener Epoche umgibt uns alltäglich, ohne dass wir ihr große Aufmerksamkeit schenken. Das ist so, wenn wir die Klospülung betätigen und unseren Unrat der Kanalisation anvertrauen, deren erster Bauabschnitt 1876 in Betrieb genommen wurde“, schreiben Michael Bienert und Elke Linda Buchholz und listen unzählige Beispiele dafür auf, wie unsere Altvorderen bleibende Werte geschaffen haben. Der Wegweiser durch Berlin mit seiner Fülle von Fakten, Geschichten und ins Heute ragenden Zeugnissen Berliner Begebenheiten ist mehr als eine Fleißarbeit – wir lernen die Stadt, unsere Stadt, neu kennen und mit anderen Augen zu sehen. Und sind ein bisschen klüger als zuvor.

Mittwoch, 8. August 2007

Helmut Caspar bespricht die Tagebücher des Grafen Lehndorff.

Friedrich und Elisabeth Christine

Friedrich und Elisabeth Christine begegneten sich nur bei wichtigen Anlässen. Adolph Menzel hat die respektvoll-distanzierte Situation meisterhaft dargestellt.

Leben im goldenen Käfig

Uralte Aufzeichnungen des Grafen Lehndorff besitzen auch heute Unterhaltungswert

Das Rokokoschloss Schönhausen im Pankower Ortsteil Niederschönhausen wird seit längerer Zeit von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg saniert und restauriert. Unlängst wurden die Arbeiten an der Fassade abgeschlossen, jetzt werden die erstaunlich gut erhaltenen Innenräume der Sommerresidenz von Königin Elisabeth Christine hergerichtet. Die Gemahlin Friedrichs II., des Großen, verbrachte in dem goldenen Käfig den größten Teil ihrer Zeit; überlebte ihren Gatten gar um elf Jahre. Der sich ständig auf Kriegszügen befindende und mit Verwaltungsaufgaben, gelegentlich auch mit Komponieren und Flötespielen befasste Monarch konnte mit Frauen nichts anfangen. Die eigene hielt er sich vom Leib und schob sie an den Rand der Haupt- und Residenzstadt Berlin ab. Das merkwürdige Paar sah sich selten, verkehrte miteinander nur per „Sie“, beachtete aber immer die Etikette.

Graf lehndorff

Was an Elisabeth Christines Hof, ja was sich überhaupt bei „Preußens“ so ereignete, hat der Kammerherr der Königin, Reichsgraf Ernst Ahasverus Heinrich von Lehndorff, aufgeschrieben und bissig kommentiert. Unter dem Titel „Die Tagebücher des Grafen Lehndorff – Die geheimen Aufzeichnungen des Kammerherrn der Königin Elisabeth Christine“ hat der Verlag Berlin Story jetzt die Beobachtungen des Hofbeamten aus der Zeit zwischen 1750 und 1775 neu ediert, leider ohne Bilder dazuzugeben.

Wer sich in die Texte versenkt, lernt eine merkwürdige Welt kennen, in der Klatsch und Tratsch blühten und eine Schar von Müßiggängern kostbare Zeit bei Gelagen und Paraden, Feuerwerken, Kostümbällen, Opernaufführungen und ähnlichen Veranstaltungen verbrachte. Die adlige Oberschicht war offenbar selten glücklich und sorglos, denn die Jahre, die Lehndorff ins Gedächtnis ruft, waren wenig friedlich.

Dergleichen Informationen waren bei der Herkunft und Tätigkeit des Grafen Lehndorff zu erwarten, doch bietet das Buch, das vor genau einhundert Jahren zum erstenmal publiziert wurde und gleich großes Aufsehen erregte, weitaus mehr als die bloße Schilderung einer Abfolge von Festen und Empfängen, von Kabalen und oft unglücklichen Liebesbeziehungen. Lehndorff war ein guter Beobachter und nimmt in seinen nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Aufzeichnungen kein Blatt vor den Mund. Und da er der Königin nahe war, erfährt man auch einiges über die Schlossherrin von Schönhausen und das Leben am Hofe der quasi ins Exil geschickten Monarchin. Dass vieles in der Hohenzollerfamilie nicht stimmte, ja dass die Sippe unter ihrem despotisch regierenden Oberhaupt, König Friedrich II., litt, sich aber wegen der Machtverhältnisse nicht wehren konnte, geht ebenfalls aus den Schilderungen des Grafen Lehndorff hervor. Die uralten Aufzeichungen besitzen auch heute Unterhaltungswert; ihre Lektüre ist nützlich, wenn man sich in die Persönlichkeit der Königin versetzen will. Denn das in DDR-Zeiten als Präsidentensitz beziehungsweise als Gästehaus der Regierung genutzte Schloss Schönhausen wird, wenn es eröffnet wird, ganz im Zeichen der Elisabeth Christine stehen und ihr als eine stolze und kluge Monarchin ein Denkmal setzen.

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