Donnerstag, 1. Juni 2006

Wir erhielten kürzlich eine heftige Beschwerde, die Anlaß dazu bietet, etwas über die Preise und die Herausgabepraxis der Nachdrucke zu sagen. Hier geht es um die Fragen, warum beim Tagebuch der Gräfin Voss französische Teile nicht übersetzt wurden und warum die Bücher so teuer sind.

Sehr geehrte Damen und Herren,
vor einigen Wochen habe ich das Tagebuch der Gräfin von Voß erworben, um es meiner Mutter zu schenken. Leider stellte sich dann heraus, dass entscheidende Stellen des Buches auf Französisch geschrieben sind. Sie haben es nicht für nötig erachtet, diese Stellen zu übersetzen, obwohl diese für das Verständnis sehr vonnöten sind. Ich weiß nicht, was Sie sich eigentlich dabei denken, aber wenn Sie schon solche Bücher herausbringen, dann sollten Sie wenigstens dafür Sorge tragen, dass sie auch verstanden werden können. Heutzutage besteht die Leserschaft in Deutschland eben nicht mehr hauptsächlich aus Menschen, die des Französischen mächtig sind, geschweige denn des Französischen des 18. Jahrhunderts! Meine Mutter hatte ja noch das Glück, dass ich selbst Übersetzerin für Französisch bin und ihr einige Stellen spontan übersetzen konnte, aber August Wilhelms schwülstige Ergüsse waren denn doch nicht so spontan herüberzubringen. Um so mehr frage ich mich, mit welchem Recht eigentlich ein so hoher Preis gerechtfertigt sein sollte, noch dazu, wo doch niemand heute mehr ein Copyright auf diese Memoiren hat? Fazit: Es ist eine Unverschämtheit, andere Dokumente aus der Zeit (z.B. von Graf Lehndorff), sowie neuere Betrachtungen über das 18. Jahrhundert aus weitaus berufenerem Munde erhält man für weniger Geld, aber die größtenteils uninteressanten Ergüsse von Gräfin Voß muß man teuer bezahlen und noch dazu einen Übersetzer engagieren. Wie bitte rechtfertigen Sie das? Eigentlich sollte ich ein Honorar von Ihnen einfordern! Ich verbleibe, mit verhaltener Empörung, untertänigste Ihre …

So sehe ich das:
1. Historische Quellen, kommentiert und unkommentiert?
Wir sind eine auf geschichtliche Themen spezialisierte Buchhandlung, auch im Verlag geht es überwiegend um Geschichte. Wir stellen historische Quellen zur Verfügung, teils von anderen Verlagen oder Vereinen oder einzelnen Autoren, teils von uns. In allen Fällen gibt es Quellen kommentiert oder unkommentiert. Bei den Aufzeichnungen der Gräfin von Voß wäre eine umfangreiche Kommentierung zu rechtfertigen gewesen – aber eine unkommentierte Herausgabe auch, weil sich dem Kenner der Szene, nicht dem Einsteiger, vieles erschließt. Wir weisen immer darauf hin, daß dies kein Einsteigerbuch in preußische Geschichte ist. Das Buch erschien mir gleich beim ersten Lesen so außerordentlich interessant, daß ich es veröffentlichen wollte.

2. Interessant oder nicht so spannend?
Daß die Ergüsse der Gräfin von Voß Ihrer Meinung nach größtenteils uninteressant seien, kann man unterschiedlich sehen. Wir sind jetzt, für uns völlig unerwartet, in die dritte Auflage gegangen, weil es viele Menschen gibt, die dieses Buch interessiert. Auch haben wir immer und von allen Büchern geöffnete, nicht verschweißte Exemplare in der Buchhandlung, damit man sie sich ansehen kann. Es kann bei Büchern einfach vorkommen, daß man eins kauft, was man persönlich nicht so toll findet. Wem ist das nicht schon passiert? Mit diesem Buch haben wir jetzt einen wirtschaftlichen Überschuß produziert, durch den neue Projekte angeschoben werden können.

3. Übersetzen oder nicht übersetzen?
Wir waren der Meinung, daß die "schwülstigen Ergüsse" von Prinz August Wilhelm gegenüber der jungen Sophie genau das waren, nämlich Liebeserklärungen eines unter Dampf stehenden jungen Mannes, daß sich das deutlich aus dem Zusammenhang ergibt, daß diese Teile nicht sehr zentral sind und auch nicht zum Verständnis der Ereignisse übersetzt werden müssen.

4. Was kosten Nachdrucke
Man muß die Originale suchen, finden, beurteilen. Beim Beurteilen ziehen wir eine Lektorin hinzu, die das Buch liest und ihre Meinung dazu abgibt. Steht fest, daß das Buch nachgedruckt werden soll, beginnt ein aufwendiger technischer Prozeß der Texterfassung und des Umbaus in eine Word-Datei. Dafür gibt es zwar Programme, es ist aber außerordentlich viel Hand- und auch Kopfarbeit dabei. Man muß die Programme beherrschen, man muß den Text verstehen und man muß eine Unzahl von Fehlern bei der Übertragung korrigieren. ss und ff in der Fraktur sind identisch, viele Worte sind zu überarbeiten, der gesamte Text muß mehrmals durchgesehen werden. Daß diese alten Texte keinem Copyright mehr unterliegen ist im Verhältnis zu dem enormen Aufwand aus wirtschaftlicher Sicht fast zu vernachlässigen. Die erste Auflage deckt fast nie und in diesem Fall schon gar nicht die Kosten. Ob es eine zweite Auflage gibt, ist wie eine Wette. Woher soll der Verleger wissen, ob es viele Menschen gibt, die das Buch wie er selbst toll finden, oder ob es floppt, weil die Leser es langweilig finden? Nicht nur die Leser könnten das Buch langweilig finden, auch die Presse. Der Aufwand, für solche ungewöhnlichen Bücher eine Öffentlichkeit zu schaffen, ist höher als bei gängigen Themen, also auch teurer. Schließlich sind wir mit unserem kleinen Verlag nicht in der Lage, große Auflagen zu verkaufen, bei denen sich der Aufwand für die Produktion des Buchs auf eine größere Menge von Exemplaren verteilt.

5. Unsere Projekte in Vorbereitung
Jetzt bereiten wir weitere Nachdrucke vor, teils kaum kommentiert, teils ausgesprochen umfangreich kommentiert. Das hängt auch damit zusammen, ob sich jemand findet, der sich kompetent des Themas annimmt. Die Aufzeichnungen des Grafen Lehndorff aus friderizianischer Zeit, von Ihnen erwähnt, gibt es beispielsweise unserer Nachforschung nach nicht. Wir werden sie aber noch in diesem Jahr herausgeben und sind mitten in den Vorbereitungen. Dieses Buch wird nicht kommentiert. Auch in diesem Fall greifen wir aufwendig auf das Original zurück, veröffentlichen den gesamten Text und nicht eine stark gekürzte Fassung wie sie in den achtziger Jahren herausgekommen ist. Das ist eine Arbeit, die sich über Monate hinzieht. Eine Germanistin sitzt gerade daran. Gekürzt dagegen erschien das von Michael Bienert herausgegebene Lexicon 1806 von Gädicke, weil im Original so viel und so detailliert über das Militär berichtet wurde, wie es die meisten Leser heute kaum mehr interessiert. Vollständig kommentiert dagegen erscheint die Reise von Büsching im Jahr 1775 von Berlin über Potsdam nach Reckahn. Das ist die Arbeit eines Historikers, der sich genau mit diesem Thema fast sein Leben lang beschäftigt und der seit langer Zeit intensiv an der in diesem Fall unserer Meinung nach notwendigen Kommentierung arbeitet.

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