Die Mumie auf der Telefonkarte

Zu den – wenigstens auf den ersten Blick – eher skurril anmutenden Exponaten des Berlin Story Bunkers gehört eine Telefonkarte, die im letzten Raum der Ausstellung Medizin in alten Zeiten in einem Schaukasten ausgestellt ist. Man müsste sich fragen, was eine Telefonkarte mit dem Thema Medizingeschichte zu tun hat – wäre auf dieser Karte nicht ein mumifizierter buddhistischer Mönch aus dem 18. Jahrhundert abgebildet.

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Telefonkarten mit diesem Motiv werden (oder wurden?) exklusiv im Dainichibo-Tempel in Tsuruoka (Präfektur Yamagata) im Norden Japans verkauft – einem Zentrum der buddhistischen Shingon-Sekte. Die abgebildete Mumie ist in diesem Tempel auch leibhaftig zu bewundern. Insgesamt sind in verschiedenen Tempeln der Präfektur Yamagata rund zwanzig solcher Mumien ausgestellt; Mumien von Mönchen bzw. Priestern der Shingon-Sekte, die sich dem bis ins 19. Jh. praktizierten Ritual des Sokushinbutsu unterzogen haben – einer Selbstmumifizierung bei lebendigem Leibe.

 Ziel des Sokushinbutsu sollte es sein, durch extreme (und extrem schmerzhafte) Selbstverleugnung einen Weg ins Nirvana zu finden. Der Prozess der Selbstmumifizierung war in drei Abschnitte von jeweils 1000 Tagen unterteilt, dauerte also insgesamt mehr als acht Jahre. In den ersten 1000 Tagen unterwarf sich der Mönch einer strengen Diät, die im Wesentlichen aus Nüssen und Samen aus der Umgebung bestand; in der zweiten Phase wurde die Ernährung weiter reduziert auf die Rinde und die Wurzeln von Nadelbäumen. Ergänzt wurde dies durch das Trinken eines giftigen Tees aus dem (ansonsten zum Lackieren von Geschirr und Möbeln verwendeten!) Saft des Urushi-Baumes, das zu einer extremen Entwässerung des Körpers führte und den Körper außerdem so nachhaltig vergiften sollte, dass der Leichnam später nicht von Maden gefressen werden konnte. In den letzten 1000 Tagen wurde der Mönch in eine Gruft eingeschlossen, die kaum größer war als sein eigener Körper; er erhielt eine Glocke, die er jeden Tag läuten musste, um anzuzeigen, dass er noch lebt, und ein Rohr, durch das er atmen konnte. Unterblieb das Läuten der Glocke, wurde davon ausgegangen, dass der Mönch tot war, und das Luftrohr wurde entfernt. In jedem Fall wurde aber bis zum Ende der dritten 1000 Tage abgewartet, ehe die Gruft geöffnet wurde. Zeigte sich dann, dass der Leichnam des Mönchs mumifiziert war, wurde er fortan als Buddha verehrt und zur Betrachtung im Tempel ausgestellt.

Im späten 19. Jh. wurde die Praxis des Sokushinbutsu in Japan verboten. Der letzte Mönch, der sich diesem Ritual unterzog, starb im Jahre 1903. Die in den Tempeln der Präfektur Yamagata ausgestellten Mumien sind heute eine Touristenattraktion – und werden, wie die Telefonkarte aus dem Dainichibo-Tempel beweist, auch als solche vermarktet…

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