Die Geschichte entsorgen: Visit Berlin will hunderttausende Stadtpläne mit unserer Werbung einstampfen

Das Ganze läuft noch. Es ist unglaublich. Die Geschichte soll entsorgt werden. Unserer Werbung in den Schredder – hundert tausendfach! „Hitler – wie konnte es geschehen“ soll geschreddert werden.

Es handelt sich um die Frage, die Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Neueröffnung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand stellte (Welt 2.7.2014); die Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble immer wieder stellt; die die maßgebliche 2000-Seiten-Hitler Biografie von Ian Kershaw eröffnet.

Der Checkpoint, der morgendliche Newsletter des Tagesspiegels mit Lorenz Maroldt als Chef, griff am Mittwoch, dem 25. September 2019 einen unscheinbaren Tweet von Enno Lenze auf:

Checkpoint 25. September:

Für das Berlinmarketing sucht der Senat keinen Slogan, sondern ein „Gestaltungsprinzip“ (CP von gestern). Verabschieden wir uns also hier mal CP-offiziell von früheren Sprüchen – erledigt sind u.a.:

„Berlin hat Tag und Nacht geöffnet“
„Berlin ist eine Reise wert“
„Berlin liegt in Berlin“
„Mir geht‘s Berlin“
„Berlin tut gut“
„Be Berlin“

An „Jeder einmal in Berlin, jeder einmal in der Reichshauptstadt“ möchte sowieso niemand mehr erinnert werden.

Apropos Reichshauptstadt: „Visit Berlin“ hat gerade Hitler besiegt – die offizielle Marketingorganisation des Senats lässt den aktuellen Touristenstadtplan einstampfen, weil dort der Name des Diktators erwähnt ist. Enno Lenze, Chef des „Berlin Story Bunkers“ am Anhalter Bahnhof, hatte in dem Flyer für seine Dauerdokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ geworben, doch jetzt teilte die „Visit Berlin“-Produktionsabteilung dem engagierten Faschismus­-Aufklärer per Mail über dessen Agentur Folgendes mit:

Seit Ende Juni sind bereits die touristischen Stadtpläne im Umlauf. Leider habe ich seitdem vermehrt Beschwerden meiner Kollegen und auch Endkunden erhalten, die sich an der Anzeige von dem Anzeigenkunden ‚Historiale Berlin / Berlin Story Bunker‘ stören. Speziell geht es um die kleine Anzeige auf der Kartografie in den Sprachen ES, FR, IT und DE, bei der der Schriftzug ‚Hitler‘ sehr sehr aufdringlich und sichtbar ist. Um hier weiteren Unmut zu vermeiden, haben wir uns dazu durchgerungen, die entsprechenden Stadtpläne neu zu drucken und die Anzeige des Kunden in dem Zuge auszutauschen.“

Und weiter: Lenze soll „eine angepasste Anzeige“ liefern, der Schriftzug möge „nicht so einen großen Raum“ einnehmen, aber „bestenfalls entfällt der Name Hitler in der Anzeige ganz.“ Mit anderen Worten: Die Geschichte Berlins wird umgeschrieben (jedenfalls für Touristen) – sie beginnt am 1. Januar 2009 mit dem Amtsantritt von Burkhard Kieker als Geschäftsführer von „Visit Berlin“. Und damit erklären wir die Prospekte der Berlin-Werber für entnazifiziert. Allen anderen empfiehlt der Checkpoint einen Besuch in Enno Lenzes Bunker, über den Israels Botschafter Jeremy Issacharoff sagt:

„Ich war sehr beeindruckt und bewegt. Eine extrem effektive Erinnerung daran, wie wir jede Form von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bekämpfen sollten.“

Soweit ein Auszug aus dem Newsletter, der von den Meinungsmachern, Politikern und gesellschaftlich Interessierten in Berlin (und anderswo) gelesen wird, der erheblichen Einfluss hat.

Worum geht es eigentlich? Visit Berlin verteilt in den Berlin Tourist Info-Centern kleine Broschüren, die für die Berlin Welcome Card werben. Die Broschüren sind ebenso wir die Stadtpläne (teilweise oder ganz) durch Werbung finanziert. Auch wenn man auf die Homepage von Visit Berlin geht wo Tickets angeboten werden, sind das finanzierte Anzeigen. Man kommt da nicht drauf ohne zu zahlen.

„Hitler – wie konnte es geschehen“ wirbt mit dem Logo seit Anfang an – und nur damit. Denn darum geht es: Warum die Deutschen Hitler blind folgten, warum sie bis zum Ende mitgemacht haben, wie sie zu Mördern wurden. All das wird im Berlin Story Bunker ausführlich geschildert. Da Hunderttausende Besucher kommen, fast ausschließlich Individualbesucher, also nicht Gruppen oder Schulklassen, kann man davon ausgehen, dass sich diese Frage weiterhin vielen Menschen aus vielen Ländern stellt. 70 Prozent unserer Besucher sind zwischen 25 und 35 Jahre alt.

Wie sieht die inkriminierte Werbung eigentlich aus?

Rechts der Umschlag, es folgen einige Seiten Berlin – modern, creative and cosmopolitan. Werbung für den Museums-Pass, Werbung für das Centrum Judaicum, Werbung für das Theatertreffen, Werbung für den Tierpark, Werbung für Stars in Concert, für die Berlin Welcome Card, dann ein Stadtplan und auf der hinteren Innenklappe Werbung für „Hitler – wie konnte es geschehen.“

Dann geht es um den Stadtplan, den es in mehreren Sprachen gibt. Man muss da einzeln buchen und zahlen. Alles ganz normal, kein Geheimnis, es ist in jeder Stadt so.

Im Stadtplan sieht die Werbung so aus. (Ein andere kommerzielle Werbung ist abgedeckt.)

Heute, am 26. September 2019, greift Thomas Loy im Tagesspiegel das Einstampfen der Werbung für unsere Dokumentation gegen den Nationalsozialismus als Top-Thema auf der  Berliner Titelseite  auf:

 

Und im Checkpoint macht sich die Karikaturistin Neomi Fearn darüber lustig:

Das Ganze läuft noch. Heute hat sich Enno Lenze, Chef des Berlin Story Bunkers, mit Burkhard Kieker getroffen, Chef von Visit Berlin. Was dabei herausgekommen ist, wird sich zeigen.

 

Die Stellungnahme von Visit Berlin dazu:

Berlin Story dazu:
Wir danken für das Lob der Dokumentation. Burkhard Kieker hat sich auch früher so geäußert und wir haben uns sehr darüber gefreut. Er kennt die Welt, er kennt Berlin und kann das beurteilen.

Zu erwähnen ist, dass wir für die Auslage der Flyer und alle anderen Aktivitäten von Visit Berlin zahlen, einen nicht unerheblichen fünfstelligen Betrag pro Jahr. Das ist normal. Darüber meckern wir nicht. Es möge nur nicht der Eindruck entstehen, es handele sich um eine kostenlose Auslage. Berichte von Journalisten, die über Visit Berlin gekommen sind, sind uns nicht bekannt. Und natürlich checken wir über Google Alerts genau, wer etwas über uns berichtet.