Die „Gerechten unter den Völkern“

„Voilà, der Judenzug ist angekommen“, heißt es in Le Chambon, wenn um zwei Uhr nachmittags die Dampflok ihren schweren Weg in die Berge geschafft hat. Neben den Kinderheimen nehmen alle zehn Hotels des Ortes ohne Fragen und ohne Ausweiskontrolle Gäste auf. Sie geben bei der Meldung falsche Namen an.

Die Bauern und Einwohner eines in den Bergen völlig abgelegenes Dorfs in Frankreich retten von Ende 1940 bis September 1944 mehr als 5.000 Menschen vor den Nazis, hauptsächlich Juden und sehr viele Kinder. Sie werden versteckt oder in die Schweiz und nach Spanien geschleust. 100 Kilometer nördlich wütet der „Schlächter von Lyon“, Klaus Barbie, einer der übelste Nazi-Schergen.
Gendarmen warnen den Pastor vor deutschen Razzien, Polizisten unterhalten sich in der Wirtschaft so laut, dass die Bevölkerung gewarnt ist …
Nicolas Schapira, ein in Rumänien geborener, in Österreich aufgewachsener Jude sagt: „Es hat in der Geschichte kein Volk gegeben, das ein solches Unrecht begangen hat.“ Der Arzt der Marquisaden hellt aber auch auf, warum es zu fast keinen Reaktionen der Deutsche gekommen ist. „In Le Puy, der Garnisonsstadt, hatte der deutsche Major Julius Schmähling das Sagen. Wir nahmen ihn Ende des Krieges fest. Er verachtete die französische Miliz: die Judas der Franzosen. Er wusste genau, was in Le Chambon vor sich geht und hat die Hand über uns gehalten. Die jungen Wehrmachtssoldaten? Alles Nazis. Schmähling war der einzige Deutsche damals, der kein Nazi war.“

Im Jahr 1983 habe ich ausführlich Interviews mit den Überlebenden gemacht. Aufzeichnungsgerät war ein tragbares Uher-Report Tonbandgerät. Damals gab es in Europa keine Veröffentlichung dazu.
Heute gehören die Bewohner von Le Chambon sur Lignon zu den in Yad Vashem ausgezeichneten „Gerechten unter den Völkern“. Ihre Rettungsaktion ist im US Holocaust Museum in Washington USHMM ausführlich recherchiert.