Design des Dritten Reichs — Hertogenbosch/NL — Exkursion

Das Design des Dritten Reichs

Verherrlichen die da im niederländischen Hertogenbosch Nazi-Symbole und wollen die große Nummer für ein Design-Museum bringen? Den Eindruck konnte man bekommen, wenn man den SPIEGEL las. Ist das spannend oder langweilig, also könnte man sich das mal ansehen? Das konnte man aus dem Beitrag im TAGESSPIEGEL nicht erschließen. In der WELT: „Hakenkreuze, wohin man schaut … Hunderte von Objekten trug das Museum zusammen, zum großen Teil aus deutschen Museen.“ Gut oder schlecht? Die DEUTSCHE WELLE zitiert den Bund der Niederländischen Antifaschisten, der die Schau als provozierend ablehnt und die Stadtverwaltung zum Eingreifen aufforderte. Kein einziger Beitrag vermittelte ein verständliches Bild.

Also entschlossen wir uns, Enno Lenze und Wieland Giebel, selbst nach Brabant zu fahren und mit eigenen Augen zu erkunden, was da zu sehen und wie es dargestellt ist.

https://designmuseum.nl/en/homepage/

Im Gespräch schildern die Kuratoren Timo de Rijk (rechts), der Chef des Museums, und Tomas van den Heuvel (2. v. links), der Historiker, die anfängliche Skepsis ihrem Projekt gegenüber. Wer will schon für eine Nazi-Ausstellung Geld geben, wenn man nicht ganz genau vorher weiß, was dabei herauskommt. Wer stellt Exponate zur Verfügung, wenn man die Ausstellung vorher nicht gesehen hat. Das geht nur, indem in unzähligen persönlichen Gesprächen Vertrauen aufgebaut wird.

„Hitlers Drittes Reich war von Tod, Gewalt und Massenmord geprägt. Das Dritte Reich war ein totalitäres System, in dem nahezu alles von oben bestimmt wurde … Direkt nach dem Einfall der deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion im Jahr 1941 wurden russische Offiziere, Juden, Sinti und Roma das Opfer bestialischer Massenhinrichtungen … SS-Chef Himmler suchte nach einer ,humaneren Art des Mordens‘, wohlgemerkt humaner für die SS-Mörder. Nach der berüchtigten Wannseekonferenz bekamen Gaskammern eine zentrale Rolle bei der ‚Endlösung der Judenfrage.‘ “

So etwa hört es sich auf dem Audioguide an. Das sind klare Positionierungen – wie in der gesamten Ausstellung, deutlich in der Aussage der Texte und in jeder einzelnen Darstellung.

„Die Gaskammern wurden so entworfen, dass die Toten danach sofort verbrannt werden konnten.“ Es folgt ein Hinweis auf die Firma Topf & Söhne in Erfurt, die diese Öfen baute. Zitiert wird ein Gefangener, Jakov Silberberg, der die totale Entmenschlichung schildert, die die Nazis im Lager erzeugten. „Die Deutschen beschlossen, dass ein Mann, eine Frau und ein Kind gleichzeitig kremiert werden mussten. Sie gaben den Gefangenen den Befehl, ein Kind zwischen den Mann und die Frau, die mehr Fett hatte, zu legen. Die Deutschen hatten ein Wort für das Kind: Zulage. Das Fett setzte die anderen beiden besser in Brand.“

Wir zitieren hier so ausführlich, um jeden Verdacht von den Museumsmacher zu nehmen, irgendetwas Verherrlichendes mit den Symbolen der Nazis erreichen zu wollen.

 

Ausstellung und die umfangreiche Sammlung von Original-Exponaten sind beeindruckend. Hakenkreuze keinesfalls „wohin man schaut“, sondern da, wo sie als Symbol genutzt wurden. Sehr genau und Schritt für Schritt wird erklärt, wie es zum Hakenkreuz kam, vom historischen, indischen Symbol, von der Verwendung des Sonnenrads vor den Nazis, was Hitler selbst damit zu tun hat, wie er ein Symbol suchte, das so eindringlich war, wie Hammer und Sichel auf roter Fahne bei den Kommunisten. Wir sind in einem Design-Museum. Aber die Macher beschränken sich keinesfalls aufs Design. In jedem Schritt wird es in den gesellschaftlichen Bezug gesetzt, warum Design nicht nur etwas Schönes sein kann, sondern für das Böse eingesetzt wird.

Die Exponate sind vielfältig, die Abbildungen sehr groß. Ein Volkswagen steht gleich am Eingang, eines der wenigen echten alten Modelle. Später geht es auch darum, wie viele Menschen dafür gespart und ihr Geld verloren haben. Kein Einziger der 332.000 Menschen, die Monat für Monat angespart haben, sah jemals einen VW. Nicht ganz, denn sie sahen dann in der Wochenschau die Kübelwagen in Russland, die VW für die Front baute.

Gemälde, Bauzeichnungen, Fotografien, Siedlungen, Spielzeug, Bekleidung, Uniformen, Abzeichen, Armbinden, Buchumschläge, Plakate, Veranstaltungen – erst wenn man das alles so massiv sieht, also das gesamte Spektrum des Lebens aufgeblättert wird, wird deutlich, wie intensiv und allumfassend die Propaganda im visuellen Bereich aufgestellt war. Man konnte ihr nicht entkommen.

Filme werden auf Monitoren und großer Leinwand gezeigt, in der Leni Riefenstahl-Kamera-Perspektive, aber auch Wochenschauberichte, Propagandafilme wie den für die Autobahn und in wenigen Fällen private Filme. Die gründliche Einführung ins Thema mit einer etwa 15 Minuten langen Filmcollage kommt in den Medienberichten über die Dokumentation nicht vor. Jeder Besucher wird niederländisch, englisch oder deutsch sehr gründlich eingestimmt, nicht nur zu Designfragen, sondern zum Terror des Nazi-Regimes.

Text und Stimme des Audioguides sind unaufgeregt, sachlich, präzise. Genauer gesagt informiert der Audioguide außerordentlich gründlich, erklärt alles, ohne die Besucher für minderbemittelt zu halten. Das ist, wir wissen das, schwierig. Die Takes sind spannend, nicht zu lang.

Quellen werden weder an den Exponaten noch an den Abbildungen angegeben. Ich erwähne das, weil wir bei „Hitler – wie konnte es geschehen“ angemeckert wurden, besonders von Geschichtsstudenten. Das ist einfach nicht üblich.

Für uns wurde wieder deutlich, wie hoch der Grad der Übereinstimmung der eingesetzten Medien in allen großen Einrichtungen der Welt zu diesem Thema ist – hier im Design-Museum, aber auch im US Holocaust Memorial Museum in Washington, in Yad Vashem in Jerusalem, auch im Imperial War Museum in London. Die Dokumentation im Bunker ist umfassender als alle anderen – härter, persönlicher, emotionaler.

Noch etwas zu uns: Im kommenden Jahr werden wir, der Berlin Story Verlag, ein großformatiges Buch über den Einsatz von Plakaten bei den Nazis herausgeben. Auch da sind schon Ähnlichkeite zu erkennen, weil es ebenfalls um den Vergleich mit den Plakaten der Kommunisten und mit anderen Plakaten der Zeit geht.

Nach Den Bosch in den Niederlanden fährt man mit der Bahn sechs Stunden von Berlin. Es ist eine wundervolle Stadt. Es lohnt sich.