Chemie in Berlin von Alexander Kraft – demnächst

Autor: Wieland Giebel | Datum: 18. Juni 2012 | Kategorie: Berlin Story

Vom alchemistischen Geheimlabor der Apotheken über Schering zu Berlin Chemie. Dieses Buch handelt vom menschlichen Geist überhaupt, von Forschungs- und Erkenntnisprozessen, es ist nicht für Chemiker als Fachbuch geschrieben, kein Schulbuch. Ideengeschichte, Forscherglück, Familien- und Firmenschicksale, geniale Forscher, man könnte auch sagen, typisch Berlin, nämlich Tatkraft und Leidenschaft.

Chemie in Berlin von Alexander Kraft …

Ausgangspunkt ist die Suche nach Gold. Preußenkönig Friedrich I. lud Alchemisten nach Berlin ein, weil er sich durch künstlich hergestelltes Gold erhoffte, seine immensen Schulden tilgen zu können. Die Suche nach Gold verfeinerte die chemischen Verfahren wie die Destillation. Man konnte man zwar kein Gold machen, aber immerhin guten Branntwein.

Zu dieser frühen Zeit zwischen 1710 und 1780 war Berlin das weltweit wichtigste Zentrum der Chemie. Politische Verhältnisse, so der Autor Alexander Kraft, beförderten die chemische Forschung. Der Soldatenkönig wollte kein Schießpulver aus Frankreich importieren und gründete daher 1717 eine Schießpulverfabrik (heute Hauptbahnhof).

Aus einem Abfallprodukt der Gasanstalten, dem Steinkohleteer, entwickelte die Agfa schillernde Farben. Berlin setzte an zu einer weiteren Epoche herausragender Chemiker. Zwischen 1901 und 1918 gingen sieben von 17 Chemienobelpreise nach Berlin.

Auf 36 Seiten entwickelt Alexander Kraft einen Abriss der Geschichte der Chemie in Berlin, knapp genug, um immer spannend zu bleiben. Das Buch ist zugleich ein politisches Buch. Einflüsse zum Beispiel der französischen Revolution, der Emanzipation der Juden und des Nationalsozialismus auf Forschung und Entwicklung werden kurz erläutert, jedoch nie schulmeisterlich.

Im zweiten Teil des Buchs geht es um „Chemische Orte in Berlin“ wie das Kaiser Wilhelm-Institut , die Unternehmen und universitäre Einrichtungen. In der ehemaligen Bärenapotheke im Nikolaiviertel zum Beispiel entdeckte Klaproth 1789 das Element Uran. Schering entwickelte die Antibabypille. Mehrere große Berliner Chemieunternehmen wurden von Oberkoks aufgekauft, den Oberschlesischen Kokswerke.

Die Schilderung der Spaltung des Urans durch Otto Hahn folgt im abschließenden Kapitel mit den Biografien von 50 Chemikern in Berlin. Otto Hahn, über den sein Vater sich in dessen Studienzeit mokierte „Mein Sohn ist in Marburg und trinkt Bier“,

Man erfährt, wer 1860 das Kokain isoliert hat, wer der erste Pirat war, der alle Rezepte transparent machte (Klaproth) und sechs (!) Elemente entdeckte, wer schon um 1890 ein Medikament wie Viagra suchte, ein „Verjüngungsmittel für den älteren Herren“, wo es die erste Public-Privat-Partnership in der Wissenschaft gab, nämlich beim privatwirtschaftlich und staatlich finanzierten Kaiser Wilhelm Institut. Wie der Mordfall an einem achtjährigen Mädchen aufgeklärt werden konnte, weil man jetzt in der forensischen Chemie Tierblut von Menschenblut unterscheiden konnte.

Es geht aber nicht nur um die Vergangenheit. Der Leser erfährt auch, dass das ZIPC, das Zentralinstitut für Physikalische Chemie in der DDR, mit hohem materiellen und personellen Aufwand betrieben wurde, aber das wissenschaftliche Niveau niedrig war. Von 1978 bis 1990 arbeitet dort Angela Merkel. Der derzeit bekannteste deutsche Chemiker kommt auch vor. Er lehrt am Institut für Chemie der Humboldt-Universität, heißt Joachim Sauer und ist der Mann von Angela Merkel.

Ich habe ein ganz neues Bild von Berlin gewonnen aus einer Perspektive, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte. Das Buch ist so geschrieben, dass es auch für junge Menschen gut zu lesen ist.

Alexander Kraft ist Chemiker und leitet ein eigenes Unternehmen. Er hatte „Das mathematische Berlin“ von Iris Grötschel aus dem Berlin Story Verlag gelesen und daraufhin vorgeschlagen, so etwas auch aus dem Bereich der Chemie zu bringen. Das Buch erscheint in diesem Sommer.

Chemie in Berlin von Alexander Kraft …