Algarotti – der Kumpel von Friedrich II.

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Bei Algarotti denke ich an Brokkoli und bei Broccoli an Algarotti. Francesco Algarotti hat nämlich Broccoli-Samen aus Italien nach Sanssouci geschickt. Das kommt in unserem Buch vor, dem Briefwechsel zwischen Friedrich dem Großen und dem Grafen Francesco Algarotti. In diesem Buch geht es aber um mehr als um Kreuzblütengewächse.

Mit das Erstaunlichste an solchen Biografien ist ja, wie viel man herausfinden kann, wie viel Norbert Schmitz herausgefunden hat.

Algarotti (am Tisch rechts, braune Joppe, vorgebeugt) kennt ja jeder, denn er sitzt am Tisch der Tafelrunde (Bild unten) und unterhält sich quer über die den Tisch hinweg mit Voltaire (links und lila). Über Voltaire hatte Algarotti den gleichaltrigen (1712 geboren) Friedrich bereits 1739 in Rheinsberg kennengelernt. Seitdem verbindet sie eine Freundschaft, weil beide sich intensiv mit der neuen Zeit auseinandersetzen, die wir heute die Aufklärung nennen.

Dann denkt man bei Algarotti an den Brief, den Schmitz ausgegraben hat, den Friedrich als allerersten nach seiner ThronBESTEIGUNG an Algarotti schreibt. Darin geht es um die Freuden des Orgasmus. Wir wollen das hier nicht vertiefen, im Buch findet man die Stelle auf Seite 36 ff.

Algarotti stammte aus einer wohlhabenden Familie, studierte in Bologna, an der ältesten Universität Europas Mathematik, Astronomie, Physik, Anatomie und Schöngeistiges, Philosophie. Er war also universell gebildet. 1735 war er von Voltaire in dessen Schloss Cirey eingeladen wurden, im Alter von 23 Jahren. Algarotti hatte da bereits über Isaak Newton promoviert. Zwei jahre später veröffentlichte Algarotti das Buch „Newton für die Dame“, das in viele Spachen übersetzt wurde und ihn berühmt machte.

Intellektuell begegneten sich Friedrich und Algarotti auf gleicher Höhe, aber Friedrich hatte Macht und Ansehen und Geld, Algarotti war Kammerherr, also Unterhalter des Königs, zwar in den Grafenstand erhoben, aber mäßig bezahlt. Richtig arbeiten im bürgerlichen Sinne konnte für Algarotti nicht in Frage kommen. Als ehemaliger Kunsteinkäufer am sächsischen Hof (nicht sehr befriedigend als Job, fehlende Anerkennung) wäre für ihn in Preußen zum Beispiele ein Gesandtschaftsposten passend gewesen.

Norbert Schmitz beschreibt sehr schön, dass Friedrich (27) gerade mit den Vorbereitungen für einen Raubüberfall auf das Land von Maria Theresia (24) beschäftigt war und auch deshalb für die Probleme Algarottis nicht viel Zeit hatte.

Und dann die Geschichte mit der Tänzerin Barbarina. Algarotti hatte sich in sie verknallt. Barbarina war von Friedrich nach Berlin verpflichtet worden, machte sich aber mit einem Liebhaber nach Venedig aus dem Staub. Venezien wollte sie nicht an Friedrich ausliefern. Friedrich setzte (völlig unberechtigt) zwei venezianische Diplomaten fest und verlangte erneut die Auslieferung Barberinas – diesmal mit Erfolg. Barbarina brachte, so heißt es, Polenta und Lasagne nach Berlin. Der unglückliche Algarotti verliebte sich und machte in seinem Schmerz erst einmal einige Monate Berlin-Pause.

Noch mehr Sex and Crime? Die Geschichte, wie Voltaire in seinen Memoiren seinen Gönner Friedrich als homosexuell verleumdete. Das galt ja lange Zeit mehr als anstößig, als kriminell.

Norbert Schmitz schreibt nicht für die Regenbogenpresse. Aber diese Geschichten, die er nicht ausspart, zeigen, wie das Leben war und wie diese Intrigen auch in der Zeit der Aufklärung eine bedeutende Rolle spielten.

Schmitz entwickelt sehr schön die Vielseitigkeit Algarottis, seinen schillernden Charakter, seine europäischen Netzwerke.

Dass der in Norwegen lebende Schmitz sich wissenschaftstheoretisch damit beschäftigt, wie aus einem tatsächlichem Leben eine davon in gewisser Weise getrennte Biografie wird, dass es sich um eine Fiktion des Faktischen handelt, das kommt diesem Buch enorm zugute

Schmitz, Norbert, Der italienische Freund, Francesco Algarotti und Friedrich der Große, 2012, 224 Seiten, 25 €.

 

Mehr über Algarotti und Friedrich im Briefwechsel der beiden, herausgegeben von Wieland Giebel …