80 Stunden Freizeitarbeit für mich fast totfahren

Der eben verurteilte junge Mann aus Pristina im Kosovo, der mich auf dem Rad mit einem 258 PS Audi (Grundpreis 77.600 Euro) umgefahren hatte, stürzt zu den Justizbeamten und fordert: „Stellen Sie die Personalien von dem fest!“ Er zeigt auf einen Besucher. „Der hat mir gedroht. Er hat gesagt, er weiß wo ich wohne. Stellen Sie seine Personalien fest!“

Eine freche Lüge. Niemand von den Anwesenden hat so etwas gehört. Ich selbst stand ja unmittelbar neben ihm. Die Justizbeamten verdrehen die Augen und verweisen an die Polizei. Sein Anwalt kommt und bedeutet ihm ganz offensichtlich, er solle besser seine Klappe halten. Das war eine ebenso freche Lüge wie in seinem „Entschuldigungsschreiben“ an mich, das erst kam, nachdem er einen Rechtsanwalt konsultiert hatte. Er schreibt da, er habe nur eine Sekunde nicht richtig aufgepasst, da sei es passiert. Die Richterin während meiner Befragung an den Raser: „Jetzt wäre eine Möglichkeit, sich zu entschuldigen …“ – „Tut mir echt leid.“ Zuvor ging es darum, wie weit von der Gabelung entfernt er überholt habe und wieder eingeschert sei. „So 200 Meter.“ Die Richterin holt ihn zum Plan und zeigt, dass die Anhalter Straße gar nicht so lang sei. Wie soll das denn gegangen sein? Das war also wieder eine Lüge.

Die zahlreichen geladenen Zeugen haben den Unfall jedenfalls anders erlebt. „Er fuhr auf der Anhalter Straße dicht auf. Ließ den Motor aufheulen und betätigte mehrfach die Lichthupe. Dann überholte er kurz vor der Abbiegung und verlor die Kontrolle über das Fahrzeug.“

Seine beiden 19 Jahre alten Beifahrerinnen haben davon nichts mitbekommen. „Ich habe erst mitbekommen, dass wir den Mast angefahren haben und das Auto kaputt war.“ Richterin: „Und den Fahrradfahrer?“ – „Ach ja, den auch.“

Ihm entgegen kam ein Fahrzeug, das scharf abbremsen und auf den Bürgersteig ausweichen musste, um nicht mit dem Audi zu kollidieren, der sich inzwischen auf der Gegenfahrbahn befand. Der Fahrer schildert das ganz genau. „Haben wir nicht mitbekommen“, äußern die Mitfahrerinnen übereinstimmend. Eine junge Radfahrerin sah, wie ich überfahren wurde, kam sofort zu mir und rief Polizei und Sanitäter. Nur weil ich einen sicheren Fahrradhelm aufhatte, bin ich am Leben. Mein Kopf landete genau auf der Kante eines Granitquaders. Ich war vier Monte ganz arbeitsunfähig, kann immer noch nicht richtig laufen, nicht Rad fahren und mein Kopf funktioniert nur eingeschränkt.

Die Dame vom Jugendamt erläutert, es habe leider mit dem Täter kein Treffen auf der Behörde gegeben, aber sie habe eben vor der Tür Gelegenheit gehabt, mit dem jungen Mann und seinen Eltern zu sprechen. Er sei zur Tatzeit 18,9 Jahre alt gewesen, befinde sich noch in einem Prozess der Ablösung vom Elternhaus, er sei noch in der Findung, eine Nachreife sei zu erwarten. Schließlich sei der Führerschein schon seit acht Monaten weg und er habe mit seinem schlechten Gewissen zu kämpfen gehabt. Sie plädiere deswegen für Jugendstrafrecht.

Die Staatsanwältin fragt, wie er denn die Kontrolle verlieren konnte, wenn er eigentlich ganz normal gefahren sei, wie er es angab. Die unabhängigen Zeugen hätten das ganz anders geschildert. Er sei eindeutig viel zu schnell gefahren und habe 50 Meter vor der Kreuzung mit hoher Geschwindigkeit überholt. Dabei habe er vorsätzlich in Kauf genommen, dass der Radfahrer, also ich, getroffen wurde. „Sie sind zwar volljährig, aber ich habe den Eindruck, Sie sind geschockt, deswegen plädiere ich für Jugendstrafrecht. 100 Stunden Freizeitarbeit, Führerschein weitere vier Monate weg und einen Verkehrserziehungskurs.“

Der Verteidiger stellt fest, dass besonnene Fahrer sich so nicht verhalten, es sei fahrlässig gewesen, Jugendstrafe, 80 Stunden.

Dabei bleibt es. Die Richterin stellt fest, dass es ein halsbrecherisches Manöver war mit überhöhter Geschwindigkeit. 80 Stunden Freizeitarbeit. „Das ist ja nochmal glimpflich ausgegangen“, meint der Verteidiger. Ich werde voraussichtlich nie wieder joggen können – was ich seit Jahrzehnten tue. Bücher konzipieren und schreiben, mich auf Texte konzentrieren, das fällt mir weiterhin schwer.

Räterepublik Westberlin im Tagespiegel: Revolutionärer Irrweg

Lars von Törne im Tagesspiegl über RRWB: „… Dass das Buch trotz seines ernsten Themas eine größtenteils unterhaltsame Lektüre bietet, liegt neben dem an dramatischen Wendungen reichen Plot auch an der Mischung aus Lokalkolorit und Sponti-Humor, die zuweilen an Seyfried erinnert. Insbesondere Berliner Leser dürften sich daran erfreuen, reale Orte, Personen und Begebenheiten zu erkennen, um die herum das Autorentrio seine Fantasie spielen lässt – wie in der
oben zu sehenden Szene, in der Kreuzberg zu einem futuristischen Viertel namens Ernst-Toller-Stadt umgebaut wird …“

Lesen Sie (demnächst) den vollständigen, äußerst zugewandten Beitrag von Lars von Tören im Tagesspiegel …

„Ich traf Hitler“ — Thomas Weber dazu in The Journal of Holocaust Research

Thomas Weber berichtet in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland darüber, dass der Antisemitismus Hitlers in diesem Buch sechs Jahre früher erwähnt wird als bisher bekannt. Das ist wichtig, weil unter Historikern immer noch nicht geklärt ist, worin eigentlich der Grund für Hitlers Antisemitismus liegt, der zum Holocaust und zum Vernichtungskrieg führte. Im folgenden Interview erläutert Weber die Bedeutung. Der Beitrag von Prof. Thomas Weber von der Universität Aberdeen aus dem Journal of Holocaust Research erscheint übersetzt in „Ich traf Hitler“. Es geht um eines der nahezu 50 Interviews, die Karl Höffkes in den 1990er Jahren mit Zeitzeugen geführt hat, die mit Hitler direkt zu tun hatten – von seiner frühen Zeit in München bis zum Selbstmord im Führerbunker. Das Buch erscheint im März 2020 im Berlin Story Verlag.

Thoralf Cleven befragt Thomas Weber für das Redaktionsnetzwerk Deutschland:

Berlin. Der Historiker Thomas Weber eckt mit seinen Aussagen zum Umgang mit NS-Tätern oder der Ursachenforschung zum Judenhass Adolf Hitlers in der Fachwelt gern an. Der deutsche Historiker („Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde“; Propyläen, 2016) lehrt als Professor für Geschichte und internationale Beziehungen an der Universität Aberdeen. Weber sagt, dass vieles darauf hindeutet, dass sich Hitler schon viel früher als er es selbst angab, radikalisierte und schon vor der Wende im Ersten Weltkrieg glühender Antisemit war. In einem am 27. Januar 2020, dem 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung, veröffentlichten Aufsatz für das „Journal for Holocaust Research“ legt der Professor private Ursachen wie verschmähte Liebe zu einem jüdischen Mädchen nahe.

Bislang galt es als ausgemacht, dass Adolf Hitler sich nach dem Ersten Weltkrieg in München radikalisierte und einen seinen politischen Zwecken gemäßen Judenhass entwickelte. Sie zweifeln daran. Warum?

Der konkrete Auslöser war ein Zufall: Bei der Durchsicht bisher unveröffentlichter Interviews, die Karl Höffkes mit Leuten aus Hitlers Umfeld geführt hat – sie erscheinen demnächst herausgegeben von Wieland Giebel – bin ich über die Aussagen zum Ursprung von Hitlers Antisemitismus gestolpert. Eigentlich suchte ich nach etwas anderem. Aber die Grundfrage, wieso und wann sich Menschen und Gesellschaften auf einmal radikalisieren, treibt mich seit Jahren um. Speziell die Frage, wie Hitler zu Hitler geworden ist.

In ihrem Buch „Wie Hitler zum Nazi wurde“ führten Sie 2016 seinen Judenhass auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Nun zweifeln Sie daran?

Ja, ich bekam mehr und mehr Zweifel an meiner eigenen Erklärung. In der englischsprachigen Aussage des Buches habe ich sie 2017 weiterentwickelt. Ich stellte – noch etwas zögerlich – die Frage, ob uns nicht doch etwas ganz Wesentliches aus der Vorkriegszeit des Ersten Weltkriegs entgangen ist. Etwas, ohne das wir Hitlers plötzlichen, radikalen Antisemitismus nicht verstehen können. Der amerikanische Historiker Harold Marcuse stellte zum Beispiel die Frage, ob wir nicht zumindest in Erwägung ziehen müssten, dass etwas sehr Persönliches oder sehr Traumatisches in der Vorkriegszeit des Weltkriegs mit Hitler passiert ist.

Warum werden diese Fragen erst heute gestellt?

Viele Dokumente – gerade aus Privathand – kommen erst jetzt ans Tageslicht, nachdem die meisten derjenigen, die das Dritte Reich noch bewusst erlebt haben, verstorben sind. Außerdem haben wir uns lange mit Sammlungen, die die Täterperspektive beschreiben, schwer getan. Das galt lange Zeit als unappetitlich. Dies wandelt sich nun langsam. Wir brauchen dringend – wie die Spielberg-Sammlung von Interviews mit Überlebenden – etwas Ähnliches für Täterdokumente.

Professor Thomas Weber ist Professor für Geschichte und internationale Beziehungen an der Universität Aberdeen.

Sind Hitler und seine Helfer nicht ausreichend analysiert?

Gerade zu Hitler wird viel geschrieben und beschrieben, aber wenig analysiert. Es erstaunt mich immer wieder, wie einfach es eigentlich ist, neue Quellen zu Hitler zu finden – man muss es nur wollen. Viele Bücher über Hitler – auch sehr gute – beschreiben Hitlers Radikalisierung, erklären sie aber nicht.

Woran liegt das?

Viele Historiker in Deutschland, aber zum Beispiel nicht in Israel, sind in Sorge, dass, wenn man sich mit Hitler beschäftigt, die Gefahr besteht, dass Hitler wie in den 50er Jahren alles in die Schuhe geschoben wird. Das führt letztlich dazu, dass wir stolz darauf sind, über Hitler im Kino lachen zu können, wir jedoch die Fähigkeit verlernen, Hitler ernst zu nehmen.

Wie meinen Sie das?

Wir sitzen bis heute noch mehr oder minder der Geschichte auf, die Hitler selbst über seine Genese und politische Evolution erfunden hat. Wir haben aus Hitlers Heldengeschichte ein Trauerspiel gemacht, aber die Handlung beibehalten. Dadurch schauen wir eigentlich auch heute nach den falschen Warnsignalen für neue Hitlers in unserer Welt.

Lesen Sie hier den Aufsatz von Professor Thomas Weber im Original

Welche Ecken sind in der Holocaustforschung noch schlecht ausgeleuchtet?

Alles, zu dem es entweder keine oder nur noch wenige schriftliche Quellen gibt. Als Historiker nehmen wir oftmals nur das wahr, wofür es schriftliche Quellen aus der Zeit des Geschehens gibt. Die Folge ist, dass wir über die meisten Lager – mit Ausnahme von Auschwitz – und vielen Erschießungen nichts wissen. Zu den meisten Todeslagern gibt es kaum Akten.

Wir wissen zu wenig?

Über die Genese des Holocaust – eindeutig ja! Weil es zu wenige schriftliche Quellen gibt, wird meines Erachtens deshalb auch Hitlers persönliche Rolle häufig unterschätzt.

Kommentar — Review zu „Hitler – wie konnte es geschehen“

Nachdem ich das Projekt „Hitler – wie konnte es geschehen“ schon geraume Zeit verfolge, konnte ich dieser Woche endlich einen Besuch realisieren. Um es kurz zu machen, ich war beeindruckt. Ich beschäftige mich persönlich seit 35 Jahren mit genau derselben Frage, habe unzählige Bücher, Ausstellungen, Vorträge und Berichte zum Thema gesehen und gelesen. Die Aufbereitung des Themas, von der Entstehung des Nationalismus, über Weltkrieg und Weimarer Republik hin zur Naziherrschaft, kompakt, verständlich und spannend dargestellt, bis hin zum unrühmlichen Ende des sogenannten Dritten Reichs und seines Führers, ist definitiv das Beste und Umfassendste dazu, was ich kenne. Die Ausstellung sollte eigentlich zum Pflichtprogramm jeder Schulausbildung gehören – auch wenn das, bedauerlicherweise, aus praktischen Gründen gar nicht möglich ist.“

Simply extraordinary. The most important museum I have seen about nazism and Hitler. Be ready to spend hours until getting through this exhibition. I had to return 3x and spent in total 9,5 hours to be able to read (mostly) everything. Fascinating! Take notes because you can not take photos. The creators made a fantastic job and I can only express my deepest respect and gratitude for the work they have done.

Klaus Lederer, Kultursenator von Berlin, eröffnet „Women in the Holocaust“, die Ausstellung von Yad Vashem im Berlin Story Bunker

Genau das richtige für mich

„Ich bin leider erst um 16.30 Uhr im Bunker gewesen und hatte dann nur noch 2,5 Stunden Zeit, um mir die Ausstellung anzusehen. Ich hätte definitiv nochmal eine Stunde mehr gebraucht, um mir alles so detailliert durchzulesen, wie ich es bei den ersten „Kapiteln“ gemacht habe. Ich fand die Ausstellung gut strukturiert und mit sehr vielen Details versehen, sodass man ein umfassendes Bild über die Zeit vor dem Nationalsozialismus und rund um den Nationalsozialismus erhalten hat. Ich bin sehr geschichtsinteressiert — die Ausstellung war genau das richtige für mich!“

GetYourGuide

Carsten Fischer vom Hellweger Anzeiger 4 1/2 Stunden im Bunker

Carsten Fischer (links) vom Hellweger Anzeiger „rund um das Kamener Kreuz“ war heute in Begleitung viereinhalb Stunden im Bunker. „Ich recherchiere gern investigativ.“ Dass der AudioGuide die Besucher direkt und persönlich anspricht, dass die Dokumentation erläutert, was nicht im Fernsehen kommt, dass immer wieder Informationen geboten werden, die er nicht kannte — das fiel auf. Die Fragen bezogen sich auf die erstaunlich hohe Anzahl von Besuchern, auch heute; auf die Reaktion der Besucher — „genau wie bei Ihnen: so genau, so intensiv, so erkenntnisreich, so engagiert“; woher die Besucher kommen — Einzugsgebiet EasyJet und Ryanair, inzwischen auch Scoot.

27. Januar, Befreiung von Auschwitz: „Frauen im Holocaust“

Die Ausstellung „Women in the Holocaust – Frauen im Holocaust“ wird im Berlin Story Bunker am 27. Januar 2020 eröffnet. Es ist der Tag, an dem vor 75 Jahren Auschwitz befreit wurde. Die 30 Tafeln wurden in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem konzipiert. Sie befinden sich im Eingangsbereich des Bunkers. So soll die Kooperation zwischen der Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ und Yad Vashem vertieft werden. Die Ausstellung ist an jedem Tag im Jahr von 10 bis 19 Uhr (letzter Einlass 17.30 Uhr) in der Dokumentation zu sehen.

Jüdische Frauen nahmen in überwiegend traditionellen Gesellschaften die Hauptrolle in der Familie ein. Sie standen für Lebensbejahung und den Versuch, in jeder Situation zu überleben. In der Ausstellung geht es um die Aktionen der jüdischen Frauen in beispiellos böswilligen Situationen, in eklatanten Extremsituationen, die wir uns heute eigentlich aus unserem täglichen Leben heraus nicht richtig vorstellen können. Jeder Aspekt wird von einer persönlichen Geschichte begleitet, die in der ersten Person erzählt wird.

Die einzelnen Beispiele zeigen die Entscheidungen und Antworten von Frauen angesichts des Bösen, der Brutalität und der unerbittlichen Härte, mit denen sie sich auseinandersetzen mussten. Kinder wurden während des Holocaust sehr schnell erwachsen. Frauen und Kinder waren dem Terror oft allein ausgeliefert, weil Männer besonders im Osten in der irrigen, aber weit verbreiteten Überzeugung flohen, dass die Besatzung zwar die Männer gefährdete, aber nicht die Frauen und Kinder treffen würde. In den Frauenlagern betrug die Lebenserwartung drei Monate.

Die Ausstellung zeigt auf 30 Tafeln neun Aspekte des Alltagslebens der jüdischen Frau während des Holocaust: Liebe, Mutterschaft, Fürsorge für andere, Weiblichkeit, Widerstand und Rettung, Freundschaft, Glaube, Essen und Kunst.

Women in the Holocaust [Englisch]

Dauerausstellung innerhalb der Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ im Berlin Story Bunker am Anhalter Bahnhof, Schöneberger Straße 23A, 10963 Berlin, an jedem Tag im Jahr 10 bis 19 Uhr (letzter Einlass 17.30 Uhr).