Donnerstag, 14. Juli 2005

Anläßlich der Verabschiedung von Mandy fiel Anne ein, die Arbeit hier sei für sie wie ein Bildungsurlaub gewesen. Am Anfang habe sie sich darum gedrückt, den Tisch mit Preußenbüchern zu putzen, weil sie Angst hatte, jemand würde sie ansprechen und etwas fragen. Nach miserablem Unterricht in der Schule habe sie im Laufe der Zeit einen ganz anderen Zugang zur Geschichte bekommen.
 

Mittwoch, 13. Juli 2005

Mandy Zimmer verläßt uns heute. Sie fährt mit der Transsib zum Baikalsee und arbeitet dort in einem Projekt. Vor ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin war Mandy in Australien, in einem Hostel mitten im subtropischen Wald.
 

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Dienstag, 12. Juli 2005

Alte Seilschaften. Tom Fecht kommt zu Besuch, wir schlendern in der Stadt rum wie hier im Hof der Staatsbibliothek Unter den Linden und überlegen, was wir so an Projekten machen könnten. Unser erstes Projekt zusammen war ein Kindertheater in Kassel. Dann haben wir zusammen Elefantenpress gegründet. Wir verlängern das Treffen um einen Tag, Tom fliegt erst morgen weiter, weil wir noch nicht fertig sind. Es gärt noch so viel.
 

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Sonntag, 10 Juli 2005
Wir leiden. Wir leiden. Wir leiden. Unsere Stammkunden, die in längeren Zeitabständen nach Berlin kommen, finden uns nur zufällig. Am Bauzaun vor unserem alten Laden Unter den Linden 10 ist kein Hinweis mehr auf unseren Umzug möglich, weil großflächig für die Zukunft des Römischen Hofs geworben wird. Dort kommt ein italienisches Außenhandelszentrum hin. Unsere Kunden sind häufig so ein bißchen eingeschnappt oder enttäuscht von uns, daß wir nicht mehr am alten Ort sind. Immerhin hören wir jeden Tag, daß sie sich durch Bezeichnungen wie „Berlin Store“ unserer Nachbarn oder das schöne rapsgelb, das sich jetzt auch das Berlin-Kaufhaus zueigen gemacht hat, nicht verwirren lassen. „Wir kommen aus Kiel und sind jedesmal bei Ihnen. Als wir Berlin Store sahen, dachten wir, nanu, ist ja komisch, dann haben wir sie ja zum Glück gefunden.“ Oder „Ich komme nach Berlin, wann immer sich ein Anlaß bietet, jetzt aus Rinteln, und jedesmal bin ich fast zuerst bei Ihnen.“ Was tun? Wir hoffen auf die seherischen Gaben unserer Kunden und darauf, daß sie auch Mal Richtung Brandenburger Tor gehen. Dann ist die Freude groß, beiderseits.
 

Dienstag, 5. Juli 2005

Vor der Buchhandlung bis zur Ecke Neustädtische Kirchstraße, also auch vor dem Einstein, ist jetzt eine Ladezone. Man darf also da zu unseren Öffnungszeiten nicht parken, aber die Lieferanten müssen nicht mehr in der zweiten Reihe halten. Und kurz darf man natürlich parken. Wir bekamen diese Ladezone, weil die Lieferanten nicht über unsere Hofeinfahrt dürfen, damit es in der Nähe der amerikanischen Botschaft keinen unkontrollierten Verkehr gibt. Parken können Sie trotzdem ganz in der Nähe.

Montag, 4. Juli 2005

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Alle zwei Wochen wird Fritz im Schaufenster eingepackt, wenn über Nacht die Fensterputzer kommen und uns höchste Transparenz verschaffen. Diesmal ist die Aktion interessant, weil man im Foto etwas verspiegelt Susanne Roder sieht, die heute ihre Ausbildung zur Buchhändlerin begonnen hat und gleich mit dieser würdigen und vertrauensvollen Aufgabe betraut wurde. Morgen wird sie die Fenster dekorieren.

Sonntag, 3. Juli 2005

Geschichten von Kwan erfreuen sich großer Beliebtheit, weil sie so komisch sind oder so lustig, wie Kwan sagen würde. Kwan war heute den ersten Tag an der Kasse. Über die algerischen Architekturstudentinnen und Kwan läßt sich nicht viel sagen, weil die lange im Laden waren, sich viele Bücher angesehen haben, aber überhaupt keinen Pfennig auf der Tasche hatten. Die Studenten, unsere ersten Besucher aus Algerien überhaupt, haben ein Visum für sieben Tage. Einer Verlängerung um fünf Tage stimmten die algerischen Behörden und die deutsche Botschaft nicht zu. Bis zur Kasse kamen die Algerierinnen also nicht. Auch zwei Russinnen kamen nicht zur Kasse. Und das kam so. Kwan hat heute nämlich ihre beiden ersten Diebinnen gejagt. Zwei Russinnen haben zwei Berlin-Taschen genommen, so getan als gingen sie zur Kasse, dann sind sie aus der Tür spaziert, Kwan hinterher, konnte sie aber nicht erwischen und ich konnte nicht von der Kasse weg, weil da soviele Kunden waren. Und ich wollte auch nicht losspurten, weil mir beim Diebstahl von zwei Taschen zu fünf Euro durch den Kopf schoß, es könne sich um ein Ablenkungsmanöver handeln und während wir die Diebinnen verfolgen, wird der Laden ausgeräumt. Ich hätte allerdings schon gern Mal wieder so ein kleines Jogging nach Dieben gemacht.

Kwan also an der Kasse. An die Kasse wollen ja alle möglichst bald, weil erst dann das Kaufmannsladenspielen zur Vollendung gebracht wird. Das sieht so locker aus, wenn man mit den Kunden redet und dabei kassiert und einpackt und die nächsten Kunden schon im Blick hat und begrüßt. Dann sollte man sich nicht vertippen und beim Rausgeben erwarten die Kunden auch, daß man mehr oder weniger genau ist. Kwan passierte das, was jedem passiert, daß die Kunden sich das ansehen und sagen: Gut machen Sie das! Na, das kann ja nur noch besser werden! Für den ersten Tag sind sie aber schon ganz schön schnell! „Woher wissen die denn, daß das mein erster Tag an der Kasse ist?“ Tja, das fragt sich auch jeder, der den ersten Tag an der Kasse steht.

Sonnabend, 2. Juli 2005

Man soll ja immer schön das Licht unter den Scheffel stellen oder auch lieber mehr sein als scheinen, aber da der Bundestag jetzt beschlossen hat, eine Ausstellung im U-Bahnhof Pariser Platz über die Mauer zu machen, möchten wir doch in aller Bescheidenheit darauf hinweisen, daß die Idee der Nutzung für historische Ausstellungen auch gerade an dieser Stelle von uns vor einigen Jahren und für einige Jahre schon mal durchgezogen wurde.
S-Bahnhof Unter den Linden

Freitag, 1. Juli 2005

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Ein Schrei vor unserem Laden kommt aus Kwan, als habe sie der Blitz getroffen. Der Blitz, den man hier in voller Lebenspracht sieht, war Tam Fong Kuen, eine Mitstudentin von der Universität aus Hong Kong, vom parallelen französischen Zug des europäischen Kulturstudiums. Und dann fing die Kommilitonin auch noch an, solche Todesschreie auszustoßen. Das wird ja wohl so sein, dachte ich bei dem Schrei, das ist schon alles so in Ordnung. Nur der Ordnungsdienst vom benachbarten ZDF kam unauffällig näher, ob ich den beiden jungen Damen vielleicht … aber nein, alles ein Herz und eine Seele. Kuen blieb den ganzen Nachmittag bei uns, lernte, wie man Souvenir-Magnete auspreist und an der Metalltafel anbringt. Abends war sie dann mit zehn Leuten aus der Berlin Story im Friedrichstadtpalast. Kwan erklärt, daß bei den Chinesen erst der Familienname kommt, dann in der Regel zwei Vornamen. Und wenn man zu ihr sagt, ach, das ist wie bei Mao Tse Tung, Familienname Mao, dann geht sie immer in die Luft. "Hast Du kein anderes Beispiel, Herr Giebel?"