Montag, 18. April 2005

Schon wieder macht das Tagebuch Pause, diesmal bis Ende des Monats. Dann kommt bald der Bericht vom 1. Mai in Kreuzberg. Da werden wir mit Kwan aus Hong Kong auf den Oranienplatz gehen und ihr diese Seite Berlins zeigen, wie die Steine vom Himmel regnen.

Am 28. April ist im Haus Unter den Linden 40, also bei uns, in der zweiten Etage eine Gemäldeausstellung, die um 19 Uhr eröffnet wird. Veranstalter ist das "Internationale Forum. Kunst und Kultur, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft." Dazu sind auch alle unsere Leser und Kunden herzlich eingeladen.

Sonntag, 17. April 2005

Die schönen, großen, farbigen Gemälde, die wir Unter den Linden 10 am Baustellengerüst hatte, haben uns ja Glück gebracht. Die wollen wir in der nächsten Woche an die Fassade hängen, drei davon. Voraussichtlich Franka Potente (Lola), Karl Marx und Friedrich den Großen. Die anderen kommen innen in den Laden. Mal gucken, ob das gut geht oder ob jemand meckert.

Sonnabend, 16. April 2005

Ein Mississippidampferkapitän, Charles, und sein Buddy (Kumpel) ein Banker auf Rente, Robert, schnüffeln stundenlang im Laden rum. Und sie wollen alles wissen. Über die Kinder von Speer. Ich kenne ja nur die eine Tochter. Und ehrlich gesagt sind Speers Kinder nicht so ganz mein Schwerpunkt. Ob ich schon in Bogensee war, in Goebbels Waldhof? Nein, auch nicht. Das schöne Buch aus dem Ch. Links Verlag können sie nicht lesen. Abends gehen sie immer in die Oper, jeden Abend. Tagsüber müssen sie ja auch irgendwas machen, da suchen sie die Spuren der Nazizeit. Vor zehn Jahren sei das noch schwierig gewesen, weil die deutschen hinter jeder Frage neonazistisches gedankengut vermutet hätten. Jetzt ist es viel einfacher, normaler. "Wie bei uns mit den Eingeborenen, den Indianern. Früher war das ein Tabuthema. Jetzt gibt es offenen Diskussionen." Leider habe ich vergessen, die beiden auf die Off-Opern in Berlin hinzuweisen, im Saalbau Neukölln und in Clubs. So was gibt es nur in Berlin. Das mache ich per Mail.

Freitag, 15. April 2005

Noch mal Terry Brewers und seine Stadtführungen. Unsere Mitarbeiterin Nele Lenze berichtet in ihrem Reisetagbuch [www.supernele.tk] am 15. April, daß sie in Amman/Jordanien einen netten jungen Mann beim Tanzen getroffen hat, der kurz zuvor die Marathontour durch Berlin mit Brewers gemacht hat. Aus welchem Land kam der, Nele?

Donnerstag, 14. April 2005

Wo unser alter Laden war, ist jetzt eine Baustelle, davor ein Löwengang. Ein Löwengang ist ein überdachter Gang entlang einer Baustelle. Endlich konnten wir dort Hinweise auf unseren Umzug aufhängen. Auch für die Zukunft ist geklärt, daß wir auf den neuen Laden hinweisen können. Unsere Kunden haben viel gemeckert, daß wir einfach umgezogen sind und sie uns nicht finden.

Sonntag, 10. April 2005

Heute kam Stadtführer Terry Brewer mit seiner Gruppe, so 15 Leute, erst gegen 18 Uhr, bißchen spät. Morgens um 10 Uhr fängt er an der Friedrichstraße vor dem australischen Eisladen an. Nach uns folgt das Brandenburger Tor, der Reichstag und der Checkpoint Charlie. Die Tour ist dann gegen 21 oder 22 Uhr zu Ende. "He looses hardly anyone", sagt sein Kollege Preston, es bleibt äußerst selten jemand auf der Strecke. Die Tour kostet 12 Euro, einen Euro pro Stunde. Es ist die unterhaltsamste, interessanteste und mit Abstand härteste Tour, auch für Deutsche zu empfehlen, die Mal über den Tellerrand hinausschauen wollen. Die Tickets gibt es auch bei uns.

Sonnabend, 9. April 2005

Wie könnte das neue Titelbild von DuMont direkt werden? Auf den meisten Büchern über Berlin ist das Brandenburger Tor, gefolgt vom Potsdamer Platz, auf dem dritten Rang dann der Dom und der Gendarmenmarkt. Im Jahr 1997 beim ersten Erscheinen des Buchs war noch die Gedächtniskirche mit Ravern der Loveparade auf dem Cover. Es folgte dann die Reichstagskuppel, das neue Symbol des demokratischen, transparenten, weltoffnenen Berlin. Derzeit ist ein Uraltfoto drauf mit Feuerwerk über dem Tor. Keine Ahnung, wie das da draufkam, es wirkt bißchen wie Nach-Wende. Ich möchte gern ein frisches Foto, auf dem man sieht, daß es heute ist. "Heute" erkennt man zum Beispiel daran, daß das Brandenburger Tor renoviert ist oder die Menschen Coffee-to-Go in der Hand haben. Ich dachte, dieses Jahr sei inhaltlich an dem Buch nicht so viel. Irrtum. 600 Änderungen auf 120 Seiten. Kira Vogel hat mir dabei geholfen, sonst wäre ich nie fertig oder verrückt geworden.

Freitag, 8.April 2005

Anne Martin auf allen Kanälen. Seitdem die nette Journalistin von dpa bei uns war und Anne mit den außergewöhnlichsten Souvenirs aus Berlin fotografiert wurde, kommt sie in vielen Zeitungen. Die Siegessäule, die wir in Madagaskar aus Blech fertigen in strahlendem Sonnenschein sowie der Berliner Stehauf-Weltkugel mit Fernsehturm und mittendrin die strahlende Anne.

Dienstag, 5. April 2005

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Sven Felix Kellerhoff stellte sein neues Buch vor, "Hitlers Berlin", in dem er mit manchem schönen Mythos aufräumt. Fast überall steht zum Beispiel, daß die Berliner weniger braun gewählt haben als andere Länder und Städte Deutschlands. Das stimmt nicht, rechnet er uns vor. Auch in anderen Großstädten kamen die Nazis nicht gut an. Man müsse die Statistiken nur genauer lesen. Eine gründliche Analyse dieser Frage steht noch aus. Komisch eigentlich, wo die Professoren sonst nicht wissen, mit was sie die Studenten beschäftigen könnten. In unserer Ausstellung im Laden sind wir dieser irrigen Interpretation der Statistik auch aufgesessen.
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Wir haben ja längere Zeit keine Veranstaltungen gemacht und freuen uns, daß über 50 Besucher gekommen sind. Gleich am nächsten Morgen ist auch eine Buchbesprechung in der B.Z. Dort schreibt Gunnar Schupelius: Hitler nannte Deutschland "die verjudete Berliner Republik", dann führte er es in den Untergang. "In ihm war so viel Haß, wie nie in eines Menschen Brust gewesen" (Churchill über Hitler). Der Diktator haßte die goldenen 20er Jahre, die Freiheit, die Kultur, die Demokratie, die Juden, alle "Nichtarier". Er haßte Berlin, nannte es "Sündenbabel". Das belegt jetzt ein neues Buch (Kellerhoff, "Hitlers Berlin"). Die Berliner wählten ihm nicht braun genug, schrien ihm zu wenig "Sieg Heil". Berlin leistete Widerstand (Stauffenberg, Niemöller), war für die Gestapo schwer zu packen. Berlin war Heimat der deutsch-jüdischen Elite (Einstein, Liebermann, Rathenau). Vielleicht sollte ich hier noch sagen, daß es viele neue Informationen in diesem Buch gibt. Über die ersten Besuche Hitlers zum Beispiel, als er noch in Frankreich Soldaten im Ersten Weltkrieg war, hatte ich noch nie etwas gelesen. Schon damals war sein Verhältnis zu Berlin ambivalent. Er fühlte die Dynamik der Stadt, er fühlte sich hingezogen, er schrieb nur begeistert über Berlin. Gleichzeitig war ihm der unkontrollierbare Moloch suspekt, unangenehm.

Sonntag, 3. April 2005

Es gibt nur eine Nachricht und die lautet: Lydia hat es geschafft, sie hat den Halbmarathon heute durchgestanden, ist zum Schluß sogar immer schneller geworden, weil sie unglaubliche Reserven hatte. Halbmarathon, das bedeutet über zwanzig Kilometer „Es war wie im Rausch, wie auf Droge. Die anderen Läufer ziehen einen mit. Man kann gar nicht anders. Meine Freunde haben mich angefeuert. Mir geht es so gut!“
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Unter 19.000 Läufern EINE EINZIGE ausfindig machen, die an der Berlin Story vorbeiläuft, das ist fast unmöglich. Aber nicht ganz. Man erkennt Lydias schwarzen, vollen Haarschopf hier gleich links vom Stirnband des etwas größeren Läufers.
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Es war das beste Marathonwetter seit langer Zeit, ein wunderbarer Lauf, so voller Energie und Lebensfreude.