Dienstag, 20. Juli 2004

Dreimal versagt. Ein schwarzer, ziemlich fülliger DJ mit Ketten um den Hals und Fingern voll glänzender Ringe möchte ein Buch über Schwarze in Berlin. Haben wir nicht. Oder über Mohren in Preußen. Ich glaube, das gab es mal, haben wir auch nicht. Dann was über Hitler und Okkultismus. Nicht einmal damit können wir dienen. Schön, dass die Welt so bunt ist.

Freitag, 16. Juli 2004

Der historische Unterschied. Manches dürfen wir nicht, Amerikaner dürfen aber. Ein Amerikaner freut sich im Laden über unseren Tisch Judaika. Er stellt fest, dass wir die Broschüre zum Mord an den europäischen Juden in vielen Sprachen haben (direkt importiert von Yad Vashem aus Jerusalem) und er erzählt, dass er gerade mit einer Gruppe amerikanischer Lehrer die Orte der Täter und der Opfer in Europa besucht.

Donnerstag, 15. Juli 2004

Herta Däubler-Gmelin, die SPD-Abgeordnete und ehemalige Ministerin, kam auf die Berlin Story zu, zeigte auf Friedrich den Großen im Schaufenster und zog sich wieder Richtung Staatsbibliothek zurück. Dann kam sie wieder, zeigte auf Fritz, redete in die Luft und zog sich wieder zurück. Dann sahen wir die Fernsehkamera. Ach so. Eine Sendung von SWF III auf den Spuren des schwäbischen Berlins. Hegel, auch Schwabe, war hier im Café Royal. Wo war das gleich, Lydia? Lydia sucht über Google nach dem Café Royal und landet auf unserer Homepage.

Mittwoch, 14. Juli 2004

Putzparty. 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter putzen den Laden von hinten nach vorne von 18 Uhr bis 23 Uhr. Wir fangen an, wenn Kunden noch im Laden sind, weil wir es sonst auch mit so vielen MitarbeiterInnen nicht schaffen, jedes Buch, alle Postkarte sowie die Souvenirs zu reinigen. Die Kunden sind wie immer. Sie quetschen sich durch, schieben Ständer zur Seite, kämpfen sich gnadenlos zum Konsum durch. Mich erinnert das an die Szene, als studentische Demonstranten in einem Polizeikessel vor dem Laden festgehalten wurden und eine Gruppe Italiener sich an den Polizisten vorbeiquetschte, in den Kessel stieg, auf der anderen Seite wieder raus, die nächste Reihe Polizisten durchdrang und dann in den Laden kam.
Zur Putzparty gibt es Pizza und Getränke nach Wahl, eine Platte mit Käse und Obst und Partyzeugs. 16 x 5 sind 80 Mannstunden.

Montag, 12. Juli 2004

Besuch aus der Vergangenheit. In den Jahren 1946 bis etwa 1948 war genau da, wo heute unsere Ausstellung ist, ein Restaurant. Das berichtete Rudolf Grapenthin, Jahrgang 1928, damals also 18 Jahre alt, der bei der KPM arbeitete. Er war mit 17 Jahren aus dem Krieg gekommen und fing eine Lehre al Porzellanmaler an. Gewöhnlich gingen sie mittags in ein kleines Lokal in den S-Bahn-Bögen am Tiergarten. Dort gab es Kartoffelsuppe aus Kartoffelschalen. Eines Tages fuhren sie mit der S-Bahn zur Friedrichstraße, kamen in dieses Restaurant und sahen dort die Wirtin des Lokals vom Tiergarten. Sie hatte einen breitkrempigen Hut auf, ließ sich dicke auftragen und speiste wie eine Fürstin. Herr Grapenthin kam dann öfters in dieses Restaurant. Es gab zwei Speisen, eine preiswert, eine teurer. Man konnte sehr gut essen und es war nicht so voll.

Samtag, 10. Juli 2004

Mit einer sehr netten jungen Frau bißchen durch den Laden promenieren und dann in der Ausstellung einen Kaffee trinken. Da meckern die Kolleginnen immer. Dabei ist es richtig Arbeit, Journalistenbetreuung. Mit Christine Berger, die für verschiedene Zeitungen schreibt, aber auch Reiseführer macht, haben wir schon Anfang der neunziger des vergangenen Jahrhunderts zusammengearbeitet. Damals ging es um den Kinderstadtführer Großstadtdschungel aus dem Giebel Verlag. Ich bin seitdem grau geworden. Christine ist das blühende Leben. Berlin ist unser gemeinsames Thema. Wir werden sehen, wie uns das weiter zusammenführt.

Lothar Heinke berichtet am gleichen Tag im Tagesspiegel über uns. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll, wenn wir soviel Lob bekommen. Das ist sehr schön. Und ich hoffe, es baut die Mitarbeiterinnen auf, den hervorragenden Service immer noch weiter zu verbessern. Bei jedem Einkauf, bei jeder Reise merkt man doch selbst, wie angenehm es ist, einmal qualifiziert und freundlich bedient zu werden. Da steigt die Lebensfreude. Wenn man sagen möchte, wir tun was für Berlin, dann ist es dieser ganz kleine Aspekt: Wir tragen positiv zum Berlinerlebnis bei.

Donnerstag, 8. Juli 2004

Kleine Soziologie der Kunden.
Der Architekt aus Stockholm. Er kommt alle paar Monate. Diesmal klopft er nach Feierabend an die Tür. Er braucht dringend noch zwei Führerbunker.

Die ältere Amerikanerin mit größerem familiären Tross und diversen Bodyguards, die in einer Stretchlimo vorfährt. Wir ordnen ihr eine hervorragend englisch sprechende Mitarbeiterin zu. Sie läuft im Laden hin und her, genauer gesagt vorne in der Abteilung für Mitbringsel. Sie bleibt dort hängen, wo wir es vermuten, bei den Bierkrügen, Mauersteinen und Buddy-Bären. Ob sie mit Karte zahlen kann? Ja, so was kennen wir hier auch. Ihre Töchter verdrehen die Augen. Als alles zusammen ist, will sie zehn Prozent. Das ist bisschen viel. Ob wir die Sachen schicken können? Können wir, und darüber hinaus können wir auf Anhieb sagen, wie viel das mit welcher Versendungsart kostet. Und dann sollen wir nur noch die Mehrwertsteuer abziehen. Da sind wir aber bockig. Doch, das wäre woanders auch gegangen, weil sie die Steuer ja nicht zurückbekommt, wenn sie die Ware nicht vorzeigen kann. Dass dem nicht so ist, davon kann sie keiner überzeugen. Und wir lassen uns nicht gern 26 Prozent abziehen. Wenn man Brillanten oder Klamotten vielleicht mit 300 oder 400 Prozent Aufschlag kalkuliert, geht das vielleicht. Bei uns nicht. Wir wollen auch nicht. Wir geben gar kein „Discount, Discount!“, weil wir lieber in die Qualifikation der Mitarbeiter investieren.

Manche Kunden kommen rein, die Zielstrebigen, die direkt irgendwo nach hinten durchstürmen, vorbei an allen Hindernissen, ohne einen Blick auf die anderen Kunden oder Mitarbeiter, ein bestimmtes Buch sichten, es zur Kasse bringen und zahlen. Sie haben dieses Buch vorher gesehen, sind darum herumgelaufen, haben es eine Nacht in sich getragen und sind zu der Erkenntnis gekommen, dass sie diese Kaufentscheidung jetzt entschlossen durchziehen.
Variante 1: Sie haben das Buch schon einmal gekauft, verschenkt, und wollen es jetzt doch lieber auch für sich selbst.
Variante 2: Sie stürmen los, auf einmal bricht die Zielstrebigkeit ab, Verwunderung und Suchen beginnt, dann hat unsere Stunden geschlagen. Wir haben das natürlich alles genau gesehen, bieten unsere Hilfe an und zeigen, wo das Buch liegt. Oder müssen mit bedauern feststellen, dass es nicht mehr lieferbar ist und die Laufzeit der Bücher immer kürzer wird. Wir empfehlen dann zvab.de, da findet man Millionen von alten Büchern.

Dann gibt es noch die Verliebten
. Bei so vielen jungen Mitarbeiterinnen (und Mitarbeitern, das kam ja auch schon vor, weißt Du noch, Mazen?), bleibt es nicht aus, dass sich jemand verguckt und dann immer wieder kommt. In Unkenntnis des Arbeitsplans gelegentlich zu falschen Zeiten. Das endet mit ein, zwei Rundgängen im Laden und enttäuschtem Verabschieden. Der Arbeitsplan ist sehr individuell. Er richtete sich weitgehend nach den Wünschen der Mitarbeiterinnen und ist deswegen nicht systematisch. Wenn die Zielperson aber arbeitet, kann es peinlich werden. Gewöhnlich schicken wir sie dann in die Pause und lasen sie von der Bildfläche verschwinden. Zu erfolgreicher Partnerfindung ist es bisher nicht gekommen. Oder ich habe das nicht mitgekriegt.

Gut aufgestellt sind wir ja mit anderen Sprachen. Das läuft reibungslos, die Besucher weiterzugeben an jemanden, der diese Sprache spricht. Eine spezielle Kundengruppe z.B. die
arabische Beratung braucht. Das haben wir zweimal fließend und einmal mehr stotternd, nämlich zweimal als Muttersprache und einmal studierend. Da kommen ganze Familienclans und freuen sich. Englisch kann sowieso jede. Das ist Pflicht bei der Einstellung, das testen wir auch. Französisch mache ich, mache ich gerne. Nur wenn Claude Möller das hört – der Baumeister des historischen Modells in unserer
Ausstellung, gebürtiger Belgier – wird ihm ganz anders. Meine deutlich germanische Intonation graus ihm. Russisch haben wir auch, total fließend, sozusagen familiär geprägt, nicht nur durch harte Ost-Schulerziehung. Italienisch verstehen wir so lala. Zum zählen, bedanken und verabschieden reicht es, auch noch dazu, den Weg zum Checkpoint Charlie zu erklären. Und bei Spanisch tun immer alle so, als verstünden sie nichts. Das hängt mit den spanischen Muttis zusammen, die sich gewöhnlich im Schwall in den Laden ergießen, laut sind und bei den T-Shirts landen. Dann halten sie sich die T-Shirts an, erst als Girlie-Shirt, bis sie merken, dass das mit ihrem Bauch doch nicht so gut kommt, dann vergleichen sie die Größe ihrer Enkel, dann wollen sie Farben, die wir nicht haben. Also, ich verstehe ja leider gar kein spanisch.

Freitag, 2. Juli 2004

Unser aktuelles Rundschreiben ist bei den Kunden angekommen und zeigt bereits durch die ersten Besucher Wirkung. Es ist das erste Rundschreiben nach einem halben Jahr. In diesem halben Jahr ist soviel passiert, dass das Rundschreiben sechs Seiten lang war, drei voll geschriebene Blätter. Imke Schuster und Christiane Schnur haben mit äußerster Brutalität an diesem schönen Brief rumgekürzt. Jetzt ist er nur noch zwei Seiten lang. Und lesbar geworden. Im Mittelpunkt steht die Werbung für die Ausstellung. Außerdem wird die neue DVD mit acht Sprachen vorgestellt.

Einer der ersten Besucher aufgrund des Briefs wies darauf hin, dass die Straßenbeschilderung auf dem Modell nicht ganz korrekt ist. Die Bezeichnung „Unter den Linden“ steht da, wo in den dreißiger Jahn noch der „Platz vor dem Opernhaus“ war. Die Linden fingen erst beim Reiterdenkmal an und gingen bis zum Pariser Platz. Auf dem schönen Straube-Plan hinten in der Ausstellung sieht man das auch genau. Solche Kunden haben wir, immer wieder, die das sofort merken. Dieser Herr war ein Journalist, der auch Berlinbücher schreibt.

Donnerstag, 1. Juli 2004

Geocaching, das hatten wir schon mal im Tagebuch, da haben wir aber noch nicht verstanden, dass es sich um kein vereinzeltes Phänomen handelt. Geocaching ist eine Art Schnitzeljagd, zu der man ein GPS System braucht, Global Position System, so groß wie ein Handy. Dieses Teil zeigt, dass die Berlin Story so positioniert ist:
N 52o 31.30 E 008o 23.425.

Jemand "versteckt" etwas wie bei einer Schnitzeljagd, andere müssen es suchen. In unserem Fall ist es die Webcam in unserem Laden, die alle zwei Minuten Fotos weltweit ins Internet überträgt.

Es war also ein junger Mann im Laden, der mit seinem GPS die Webcam gefunden hat, sich zum Beweis fotografieren ließ und uns verriet, dass schon 20 von seiner Sorte bei uns waren und wir uns auf den Seiten www.geocaching.com oder geocaching.de informieren könne. In 200 Ländern laufen solche Spiele. Wir freuen uns, durch unsere moderne Technik am Puls der Zeit zu bleiben.

Neu ist auch, dass wir in der Ausstellung oben zwei Kameras installiert haben, die auf einem Monitor im Laden zeigen, was oben abgeht. Alle vier Sekunden wechselt das Bild von einer Kamera zu anderen. Wie unsere Sendeanlage, mit der der Berlinfilm auf die vielen Monitore im Laden übertragen wird, stammt die Ausrüstung von unserem Techniklieferanten Aldi.