| Berlin Story Verlag | 9. November 2012

Mahnen die Verlage ab?


Seit Jahren gibt es das Dauerthema „Abmahnungen“. Sind sie gerechtfertigt oder schickt die „Content-Mafia“ über ihre „Abmahn-Anwälte“ Unmengen Abmahnungen raus, nur um damit Geld zu verdienen? Und wie oft kommt das eigentlich vor?

In Gesprächen mit Leuten außerhalb der Buchbranche höre ich gelegentlich, dass Verleger an ihrem schlechten(?) Ruf selber schuld seien, wegen der ganzen Abmahnungen. Dabei sehe ich eigentlich nicht, dass Verleger per se einen schlechten Ruf haben, und ich denke auch nicht, dass in unserer Branche besonders viel abgemahnt wird. Ich sehe da das Problem einer „Filterbubble“, also dass man Meinungen, die sich im eigenen Umfeld tummeln, für wichtiger nimmt als andere. So ergibt sich innerhalb einer größeren Gruppe leicht eine festgefügte Meinung, die beim Einzelnen meist nicht auf eigenen Erfahrungen beruht. Darüber schrieb ich schon mal bei den Ruhrbaronen.

In meinem Verlag kommt es sehr selten vor, dass Bücher über das Internet getauscht werden. Als ich es einmal in einer Filesharingbörse mitbekam, fragte ich einfach, wie ich das Buch anbieten solle, damit ich den Bedürfnissen der Filesharer weiter entgegenkomme. Mich hat interessiert, ob es einfach nur darum geht, das eBook kostenlos zu erhalten, oder ob ich meine Vertriebswege optimieren kann. Leider erhielt ich keine Antwort.

Bei anderen Verlagen mag Filesharing ein größeres Thema sein. Prinzipiell kann ich verstehen, dass man z.B. gegen kommerzielle unlizenzierte Nachdrucke vorgeht, jedoch bin ich weiterhin nicht davon überzeugt, dass private Filesharer tatsächlich einen so großen Schaden anrichten, wie oft behauptet wird. Ich kann das zwar leider nicht mit konkreten Zahlen belegen, aber alle mir bisher genannten Zahlen zum Filesharing sahen mir sehr unrealistisch aus – übrigens sowohl die, die von Seiten der Verwerter als auch von der der Filesharer genannten.

Also kam ich zum Ursprung zurück: Wird denn wirklich so viel abgemahnt? Ich fragte mehrfach in meinem persönlichen Umfeld, auf Twitter und auf Facebook nach abgemahnten Personen. Sowohl auf Facebook als auch auf Twitter habe ich über 2.000 Kontakte und bin auch im Bereich der Filesharer gut vernetzt, also sollte ich eigentlich genug Reichweite für eine solche Umfrage haben. Zum einen fragte ich nach Abmahnungen wegen dem Filesharen von eBooks (oder gescannten Büchern), zum andern allgemein nach Abmahnungen von Minderjährigen, die mal ein paar Lieder runtergeladen haben (was auch ein häufig zitierter Fall ist).

Laut Wikipedia gibt es rund 1.000 Print-Verlage in Deutschland, die die Wikipadie-Relevanzkriterien erfüllen. Somit gibt gibt es tausende Verlage in Deutschland, wenn man alle zählt. Mir konnten nach all den Fragen siebzehn Verlage genannt werden, die Abmahnungen an private Filesharer verschickt haben sollen. Ansonsten gab es Fälle bei zwei Hörbuch-Verlagen und diverse US-Filmverwertern. Aber in meinem gesamten großen Umfeld habe ich niemanden gefunden, der jemanden kennt, der jemals wegen der oben genannten Dinge abgemahnt wurde. Somit schließe ich daraus, dass es entweder viel weniger Filesharer gibt als man meint oder aber viel weniger Abmahnungen. Egal welcher Fall es auch sein mag: Ich kann nach diesem Test das Argument, dass Verlage massiv abmahnen, einfach nicht nachvollziehen. Also sehe ich auch nicht die Notwendigkeit, diesem Teil der Urheberrechtsdebatte besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Da mache ich lieber sinnvolle Dinge und rede weiter mit den Verwertern und Filesharer in meinem Umfeld und sehe zu, wie ich diese Leute friedlich zueinanderbringen kann.

Das Ganze mag sich nach einer Sisyphus-Arbeit anhören, aber auch dieser Fall bringt mich wieder weiter, denn ich versuche, alle Argumente und „Argumente“ in dieser Diskussion selber nachzuvollziehen und mir selber eine Meinung dazu zu bilden. Nur dann kann ich gegenüber anderen einen sinnvoll begründeten Standpunkt vertreten.

 

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Comments

  • Nicolai sagt:

    Vielleicht kennst du auch nur die falschen Leute. Ich kenne in meinem direkten Umfeld nämlich einen Menschen, der abgemahnt wurde. Was aus Rechteimhabersicht besonders bescheuert war, weil dieser Mensch ein echter Medienjunkie ist und seine Wohnung mit bezahlten Medien vollgestopft ist.
    Und Gratulation zum Dialogversuch, das ist nicht einfach.

  • enno sagt:

    Dann wäre das der erste den ich kennen lerne. also es geht um ein Buch/eBook? Dann möge er sich bei mir melden :)

  • […] Ich evaluiere solche Dinge, indem ich mit anderen Leuten rede. Vor einiger Zeit hatte ich recherchiert, wie viele deutsche Verlage privates Filesharing abmahnen. Ich bin auf nicht einmal zwanzig gekommen. Also irgenwo zwischen 0.5 und 1% der […]

  • mx sagt:

    Dazu ein paar Worte eines bekennenden Buch-Herunterladers:

    1) Es gibt Abmahnungen und die nicht zu knapp. Ob jetzt Buchverlage abmahnen, die Musikindustrie, Filmproduzenten oder wer auch immer, verschwimmt in der Wahrnehmung der meisten Menschen. Die Buchverlage werden hier im Zweifelsfall von den anderen Medienarten in Gruppenhaftung genommen. Wer Content produziert gehört dann zur vielbeschworene Contentmafia.

    2) Ich wüsste aber keinen Grund, warum die wirklich großen Verlage nicht abmahnen sollten – Bertelsmann/BMG mahnt etwa Musik ab. Ich wüsste keinen rationalen Grund, warum die nicht auch Bücher-Sharing abmahnen sollten. Gerade für einen großen, in mehreren Geschäftsfeldern tätigen Konzern macht es ja absolut Sinn, ihre Rechte an allen „Fronten“ zu verteidigen und nicht bei Büchern auf ein Enforcement zu verzichten.

    3) Wer in DE überhaupt noch P2P betreibt, ist ja bekanntermaßen wahnsinnig oder hat keine Ahnung. Nach Jahren an Abmahnungen ist das etwas, was ich persönlich nicht mehr machen würde. Mit einem VPN schon, aber momentan sind eben One Click Hoster das Mittel der Wahl. Da sind die Nutzer aber nicht abmahnbar. Daher mein Gedanke: Wer P2P „ungeschützt“ betreibt und in die Abmahnfalle tappt, der dürfte jung, unerfahren oder eher ungebildet sein. Das ist wohl eher die Zielgruppe der aktuellen Bushido-Platte, aber nicht von Suhrkamp.

    4) Es gibt gerade bei englischsprachigen Büchern massenhaft Takedowns gegen One Click Hoster. Die deutschen Verlage scheinen da etwas nachzuhinken. Du kannst aber wohl anhand der Takedowns in der Boerse schnell herausfinden, welche deutschen Verlage das Thema verfolgen und welche sich damit noch nicht beschäftigen. Abmahnungen & Takedowns könnten in der Wahrnehmung auch verschwimmen.

    5) Bücher-Sharing ist immer noch ein kleiner Markt, der (noch?) nicht massentauglich geworden ist. Das dürfte vor allem an den noch nicht so weit verbreiteten eInk-Geräten liegen.

    6) Minderjährige werden in DE wohl seltener abgemahnt, da die Abmahnung immer an den Anschlussinhaber geht. Und das ist meistens dann der Papa. Soweit ich das sehe bietet kein Anbietern Minderjährigen überhaupt einen DSL-Anschluss an, von daher ist es auch sehr schwer, diese abzumahnen. (Das macht übrigens eigentlich auch sämtliche Jugendschutzdiskussionen sinnlos, da Jugendliche ja meistens den elterlichen Anschluss nutzen, welcher von den Eltern mit Glückspiel, Porno & was auch immer Sperren versehen werden könnte)

    7) Man sollte nicht den Effekt einer Abmahnung vergessen – der ist Wut oder ein Gefühl der Ohnmacht. Für etwas eigentlich recht harmloses muss man plötzlich legal sanktioniert mehrere hundert oder tausend Euro zahlen, die gerade Jugendliche, junge Erwachsene oder ärmere Leute schnell in Geldsorgen stoßen. Das ist dann das Konfirmationsgeld oder der Führerschein, der an einen Anwalt geht. Wer sowas erlebt hat, kauft nie wieder etwas in der entsprechenden Branche.

    Raubkopien werden für die Buchverlage in Zukunft definitiv relevant werden – in dem Moment, in dem man eben auf eInk oder dem Pad liest, lassen sich auch Bücher kopieren. Einige Branchen werden das schneller erleben – etwa die Mangaverlage, die sich an Jugendliche richten und bei denen eine komplette Serie gerne mal 10€ pro Band bei 26 Bänden kostet, an anderen wird das Thema erstmal vorbei gehen. Und manche Verlagssegmente werden komplett verschwinden – wieso Goethe als eBook kaufen, wenn es den auch umsonst gibt?

    Zu deiner Anfrage nach dem Geschäftsmodell: Das sieht extrem schwierig aus. Zum einen wird natürlich in der Boerse einfach mal alles kopiert, einfach aus Prinzip. Da findest du auch jeweils das aktuelle Humble Bundle, bei welchem man den Preis selbst festlegen kann. Für $0,01 kann man sich das mit Fullspeed legal von den offiziellen Servern ziehen, es wird aber trotzdem geuppt. Da lohnt sich mal ein Blick auf die Motivationen der Uploader – denn die machen das nicht nur zum Spaß, sondern z.T. auch, um damit Geld zu verdienen.

    Aber egal, ich lade da ja nicht hoch: Ich kaufe jedenfalls keine eBooks, da ich den Anbietern nicht traue. Ich habe hier einen etwas älteren Sony Reader und naja, wer digitale Dinge von Sony kauft, ist schlicht und einfach dumm. Dafür hat Sony schon zu oft bei diversen Diensten die Lizenzserver abgestellt. Auch Amazon traue ich nicht, dafür sind etwa die Nutzungsbedingungen des Kindles zu mies; deren Bücherlöschungen in der Vergangenheit tun ihr übriges. Wenn es nebendran kostenlos und ohne viel Aufwand die Bücher auch ohne DRM, komplizierte Software & Spionage durch Amazon gibt, bevorzuge ich diese Variante. Wenn man dabei auch noch Geld spart, ist das auch super. Bei meinem Buchkonsum geht das schnell in die hunderte Euro jährlich, der Reader hatte sich nach 6 Monaten „refinanziert“.

    Ich merke auch, dass ich deutlich weniger gedruckte Bücher kaufe. Zum einen sind die im Vergleich zu eBooks unpraktisch und das Bücherregal ist eh überfüllt. Zum anderen zeigt das Bücherregal nicht mehr, was ich wirklich lese. Wie früher die Plattensammlung hat auch ein Bücherregal was repräsentatives und ist gewissermaßen eine Art Persönlichkeitsschaufenster. Die Sammlung von Klassikern. Die gut sortierte SF/Fantasy-Sammlung. Die Graphic Novels. Oder halt die seltenen Indie-Schallplatten. Die Pink Floyd-Discographie. Oder die Best-of von DJ Bobo. In dem Moment, in dem man die Musik „unsichtbar“ auf dem MP3-Player liegen hat, zerbricht diese Schaufensterfunktion. Und damit zerbricht auch die Bereitschaft, sich unpraktische physikalische Dinge in die eh zu kleine Wohnung zu stellen. Dann werden auch Bücher schnell wie die aus zigtausenden Dateien bestehenden MP3-Sammlungen zum Gebrauchsgegenstand. Hier liegen mehrere zehntausend Bücher in 6GB auf der Platte, die ich irgendwann mal von irgendeinem Server gezogen habe. Fein geordnet, ich lese da fleißig drin rum, aber irgendwas ist da halt anders. Da findet ein gewisser Wertverfall statt.

    Wie kann man das jetzt durchbrechen? Schwer, aber es geht irgendwie. Steam hat es aufgrund der extrem grandiosen Sales und der Multiplayerfunktionen geschafft, mich nach 2 Jahrzehnten vom Raubkopieren von Spielen abzubringen. Und auch wenn ich es aufgrund meiner eher miesen Internetverbindung noch nicht mit Spotify angefreundet habe, das könnte sowas auch leisten. Für dich als kleinen Verleger ist das natürlich extrem problematisch: Die Gewinne bei so einem Modell (etwa bei einem „Amazon Bücher Abo“ sind für dich deutlich geringer, der große Anbieter schnappt sich einen Großteil des Profites und v.a. gibt es so einen Dienst noch nicht.

    [für Nachfragen: Der erste Teil der angegebenen Mail ist mein Twitter-Nick]

  • enno sagt:

    Danke für den langen und guten Kommentar :) Ich sehe das alles in allem ähnlich wie du.

    Gruß, Enno

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